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Infoveranstaltung: Europa und der Orient um 1600

Neues Forschungsprojekt

Mit dem Kultur- und Wissenstransfer zwischen europäischen und orientalischen Kulturräumen um das Jahr 1600 befasst sich ein neues Forschungsprojekt der Kunstgeschichte. Bei einer Info-Veranstaltung am Freitag, 19. Juni, wird es öffentlich präsentiert. Der von Papst Gregor XIII. angeregte, durch Kardinal (später Großherzog) Ferdinando de’ Medici finanzierte und von Giovanni Battista Raimondi geleitete Verlag Typographia Medicea war von 1584 bis 1614 in Rom tätig. Manche seiner Editionen wurden bis nach Äthiopien und Indien geliefert.

Medici-Verlag

Der Medici-Verlag war einerseits auf Drucke mit orientalischen Lettern spezialisiert (bebilderte arabische Evangelien, Grammatiken, Medizintraktate, Geographie), die teils sehr hohe Auflagen erreichten. Andererseits publizierte er diverse lateinische und italienische Bücher (christliche Theologie, kirchliche Liturgie und Zeremonienwesen, Topographie).

Kulturtransfers

„Mit diesem Sortiment war der Verlag eine intra- und interkulturelle Institution von besonderer Wichtigkeit“, so Professor Eckhard Leuschner, Inhaber des Lehrstuhls für Kunstgeschichte an der Universität Würzburg. Trotz ihrer mediengeschichtlich bedeutsamen Innovationen, einer kulturübergreifenden Dimension und einer hervorragenden Quellenlage – das erhaltene Verlagsarchiv mit Korrespondenz, Rechnungs- und Zensurunterlagen umfasst mehrere 1000 Seiten – ist die Typographia Medicea noch immer wenig erforscht. Die Kunstgeschichte weiß um die internationale Wirkung einiger Publikationen des Hauses, etwa der illustrierten Topographie des Heiligen Landes Terra Santa von Bernardino Amico. Diese erscheint zum Beispiel in Rembrandts Inventar. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass Amicos exakte Maßangaben bis ins späte 18. Jahrhundert praktisch jedem Nachbau des Heiligen Grabes von Spanien bis Russland zugrunde lagen. Aber selbst solche Wirkungen sind noch systematisch zu erforschen.

Typographia Medicea

In vielen Werken der Typographia Medicea dominiert Propaganda für den christlichen Glauben. Diese Bücher waren Missionstexte im Dienst der katholischen Kirche. Andererseits zeigt sich bei den Mitarbeitern des Verlags ein großes Interesse an philologischer Grundlagenarbeit, etwa daran, die Werke des arabischen Arztes Avicenna zu drucken. Die Manuskriptvorlagen wurden zum Beispiel in Aleppo und Kairo gekauft, nach Rom geschafft, dort ediert und gedruckt. Das war für den Medici-Verlag sehr aufwändig, unter anderem mussten arabische Drucklettern hergestellt werden, die teils noch heute in Florenz erhalten sind.

Spannende Literaturbeziehungen

Die Familie Medici pflegte um 1600 einen regen Handel und Austausch mit dem türkisch-orientalischen Raum. Zu dieser Zeit befand sich Europa aber auch mitten in den Türkenkriegen. „Insofern sind die Handels- und Literaturbeziehungen sehr spannend aus heutiger Sicht“, sagt Professor Leuschner. Einerseits war man mit den Osmanen im Krieg, andererseits wollte man ihnen Bücher verkaufen. Daneben war das christliche Europa um gute Beziehungen zu den Herrschern Persiens bemüht, die ihrerseits mit den Osmanen verfeindet waren. Dahinter stand nicht zuletzt die Idee eines Bündnisses für einen „Zweifrontenkrieg“ gegen die Osmanen. Entsprechend eng waren zu dieser Zeit etwa die römisch-persischen Kontakte, und das spiegelt sich auch in den Unterlagen der Typographia Medicea.

DFG-Förderung

Ab sofort ist die Typographia Medicea Gegenstand eines neuen Projekts, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird. Es wird gemeinsam vom Institut für Kunstgeschichte der Universität Würzburg und dem Kunsthistorischen Institut in Florenz (Max-Planck-Institut) durchgeführt. „Unser aus Kunst-, Literatur- und Sprachwissenschaftlern bestehendes Team geht jetzt systematisch durch die Unterlagen in Florenz und Rom, digitalisiert und ediert sie“, so Leuschner. Ziel ist eine Monographie zur Typographia Medicea, die die Dokumente zugänglich macht und den Anforderungen der Transkulturalismusforschung genügt. Der Name des DFG-Projekts: „Die Typographia Medicea im Kontext: Text und Bild als Medien des Kultur- und Wissenstransfers zwischen europäischen und orientalischen Kulturräumen um 1600“.

Info-Veranstaltung im Toscanasaal

Präsentiert wird das neue Forschungsprojekt bei einer öffentlichen Info-Veranstaltung am Freitag, 19. Juni, von 14 bis 18 Uhr im Toscanasaal der Residenz. Gäste sind willkommen. Hier der Ablauf des Nachmittags:

14.00 Uhr Prof. Dr. Eckhard Leuschner, Würzburg: Die Typographia Medicea: Kunst, Buchproduktion und Transkulturalität um 1600
14.45 Uhr Dr. Margherita Farina, Florenz: Book trade and manuscript study within the cultural program of the Typographia Medicea
15.30 Uhr Caren Reimann M.A., Würzburg: Die arabischen Evangelien der Typographia Medicea – kunst- und wirtschaftshistorische Aspekte
16.00 Uhr Kaffeepause
16.30 Uhr Dr. Yahya Kouroshi, Würzburg: Grammatikalische und kosmische Ordnung. Die Typographia Medicea als Labor des frühneuzeitlichen Denkens
17.15 Uhr Prof. Dr. Gerhard Wolf, Florenz: Kunst, Wissenschaft und die Globalisierung der Bilder um 1600

Dieser Artikel basiert auf einer Pressemitteilung der Uni Würzburg.

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