Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

„Geliebte Feinde“: Neues Buch über Würzburg im Dritten Reich

Publikation des Stadtarchivs Würzburg

Als Publikation des Stadtarchivs Würzburg ist das Buch „Geliebte Feinde. Ein Mädchen erlebt das Dritte Reich in Würzburg“ erschienen. Es enthält Tagebuchaufzeichnungen, in denen der Alltag im nationalsozialistischen Würzburg mit kritischem Blick geschildert wird. Autorin der ursprünglich auf Englisch verfassten Aufzeichnungen ist Ortrun Koerber, die heute Ortrun Scheumann heißt und 90-jährig in Bad Dürkheim lebt. Der Historiker Dr. Roland Flade hat den Text übersetzt und mit Erläuterungen versehen. In seinem Vorwort schreibt Kulturreferent Muchtar Al Ghusain: „Durch das Tagebuch öffnet sich ein Fenster in die Vergangenheit, durch das Einblicke in das tägliche Leben und Überleben in den Jahren zwischen 1939 und 1945 in Würzburg möglich werden“.

Die Geschichte von Ortrun

Als die 14-jährige Ortrun im April 1939 nach Würzburg kam, hatte sie keinerlei Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus. Wie ein Wesen von einem fremden Stern sollte sie in einem unbekannten Land mit einer totalitären Ideologie Wurzeln schlagen. Ortrun war in Japan aufgewachsen, wo ihr Vater Deutsch an der Universität unterrichtete, und hatte mit der Familie Russland, China, die USA und viele andere Länder bereist. Sie hatte amerikanische, englische und russische Freunde, liebte die Musik des aus Polen stammenden Frédéric Chopin und schrieb Gedichte in englischer Sprache.

Dieses Mädchen wurde nun in das enge Korsett des Bund Deutscher Mädel gepresst und sollte zu einem willfährigen Rädchen im System der NS-Diktatur werden – sie widersetzte sich. Die Verweigerung war nicht ungefährlich. Die freiheitlich denkende Familie, in der Solidarität kein Fremdwort war, geriet ins Visier der Gestapo. Als Ortrun wegen ihrer Liebe zu einem italienischen Kriegsgefangenen Schwierigkeiten bekam, setzt sich die Mutter für sie ein. In der Familie und bei ihren Freunden, allesamt Nazigegnern, lebte ein Stück Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit.

Farbfotos des unzerstörten Würzburg

Ortrun Koerbers Aufzeichnungen belegen, was sogar ein junger Mensch über die Wirklichkeit des Dritten Reiches wissen konnte, wenn er nur wissen wollte. So schrieb sie am 10. Dezember 1942, als die meisten Würzburger Juden bereits deportiert und ermordet waren: „Seit einiger Zeit sehe ich keine Juden mehr in den Straßen. Ich hatte keine Ahnung, wohin sie alle gekommen waren und war schrecklich schockiert, als ich hörte, dass alle Juden, die in Deutschland leben, nach Polen geschickt wurden, wo sie mit Tausenden von polnischen Juden – Männern, Frauen und Kindern – getötet werden sollen! Ich dachte nicht, dass sogar die Nazis so etwas tun könnten.“ Das Buch ist mit zahlreichen Fotos illustriert; darunter sind erstmals veröffentlichte Farbfotos des unzerstörten Würzburg aus dem Bestand des Sammlers Alexander Kraus.

Dieser Artikel beruht auf einer Pressemitteilung der Stadt Würzburg

- ANZEIGE -

Kommentare zum Artikel

Kommentare zum Artikel

AUCH INTERESSANT