Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Barrierefreie Führungen im Würzburger Dom

Fortsetzung erwünscht

Bei der ersten öffentlichen barrierefreien Domführung am Dienstagabend, 05. Mai, dem Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, ist manches anders als bei den bisherigen Führungen. Rund 20 Teilnehmer testen das neue Angebot, darunter Menschen mit einer Hör- oder Sehbehinderung und eine junge Frau im Rollstuhl. Nach der Führung sind sich alle einig: Eine Fortsetzung ist ausdrücklich erwünscht.

Den Dom mit den Händen erkunden

Langsam fährt Karl-Heinz Kratisch mit den Fingern über die römischen Zahlen am Sockel des siebenarmigen Leuchters. Seine Augen sind geschlossen, denn er ist blind. „Ein X, noch ein X“, liest er vor. Gebärdensprachdolmetscherin Maria Derr übersetzt seine Worte in fließende Armbewegungen. Gemeinsam mit Domführerin Doris Jäger-Herleth entschlüsselt die Gruppe schließlich die Inschrift: Im Jahr 1981 wurde der Leuchter im Kiliansdom aufgestellt.

Barrieren im Dom schrittweise abbauen

Alexandra Eck, Referentin für die Besucherpastoral am Würzburger Dom, begrüßt die Teilnehmer: „Wir wollen von Ihnen lernen, damit wir nach und nach noch die eine oder andere Barriere im Dom abbauen können. Ein Dom ist nie wirklich barrierefrei. Aber wenn heute jeder auf seine Weise und nach seinen Möglichkeiten durch diesen Kirchenraum geht und wir dabei aufeinander achten, werden wir uns gegenseitig und den Kiliansdom ganz neu kennen lernen.“

Wie neu, das hatten die Organisatoren allerdings nicht geahnt. Denn die Teilnehmer entscheiden spontan, dass sie keine getrennten Gruppen für Seh- und Hörbehinderte, sondern eine gemeinsame Führung wollen. Eine Herausforderung für die Domführerinnen Doris Jäger-Herleth und Elisabeth Nickel. Nun müssen sie sich an jeder Station gleichzeitig auf ganz unterschiedliche Bedürfnisse einstellen.

Blinde und Hörgeschädigte

Bei den geschichtlichen Daten ist das noch relativ einfach. Jäger-Herleth und Nickel hängen sich abwechselnd ein Mikrofon um den Hals, an dem sich ein Spezialsender befindet. Mit Hilfe dieses Senders können die Träger von Hörgeräten sie ohne störende Nebengeräusche empfangen. Maria Derr übersetzt simultan in Gebärdensprache. Doch wie vermittelt man einem Blinden die Größe des Kiliansdoms? Jäger-Herleth holt tief Luft und singt einen einzelnen Ton in Richtung Altar. Mehrere Sekunden vergehen, bis der Dom wieder still ist. „Hören Sie, wie lange das nachhallt?“, fragt sie.

Vieles kann man auch mit den Händen ertasten: die Umrisse des Fisches im Hauptportal, das schmiedeeiserne Gitter, die Reliefs am Taufbecken. Ein kleines Stück Stuck wird von Hand zu Hand gereicht. Bald macht die Gruppe automatisch Platz für jene, die mit den Händen „sehen“. Einige der hörgeschädigten Teilnehmer nutzen die Gelegenheit und lassen ihre Hände ebenfalls über die Gravuren am Taufbecken gleiten.

Treffen mit Weihbischof Ulrich Boom

Überraschend trifft die Gruppe noch auf Weihbischof Ulrich Boom. „Ich freue mich, dass das alles so schön gemacht wird. Der Dom ist wirklich ein Haus Gottes und für alle Menschen da“, sagt er. Die Führung wird abrupt unterbrochen, als um 18.45 Uhr die Glocken zur Maiandacht in den Dom rufen. Immer mehr Gläubige strömen in den Dom. Um die Maiandacht nicht zu stören, beschließen die Domführerinnen, die Führung auf dem Kiliansplatz zu beenden. Letzte Station ist das Tastmodell des Kiliansdoms. Nun hat auch Kratisch eine Chance, mit den Händen eine Ahnung von den Dimensionen des Gotteshauses zu erhalten.

Viele positive Rückmeldungen

Eineinhalb Stunden hat die Gruppe gemeinsam im und um den Dom verbracht. Die Rückmeldungen sind überwiegend positiv. „Ich bin mir vorgekommen wie in einem Hörfilm. Es war richtig spannend“, lobt Kratisch. Lob gibt es auch von Karl-Heinz Marx, Behindertenbeauftragter der Stadt Würzburg, und Jutta Behr, stellvertretende Leiterin der Beratungsstelle für Senioren und Menschen mit Behinderung. „Ich habe viel Neues erfahren und würde mir wünschen, dass sie mehr solche Führungen anbieten“, fasst Behr zusammen.

Dieser Artikel beruht auf einer Pressemitteilung des Bistums Würzburg

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