Würzburg - Foto: Pascal Höfig
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Ängste, Anrufe, Anonymität: Die Telefonseelsorge

Die Leiterin der Telefonseelsorge im Gespräch

Die Telefonseelsorge ist das ganze Jahr über, aber auch an Weihnachten und über Neujahr, eine große Stütze für jede Art von Menschen überall da draußen. Viele sind verzweifelt, einsam und traurig – ein Telefongespräch mit jemanden, der einem zuhört, kann da oft schon ein kleines Wunder bewirken. Wir haben mit Ruth Belzner, der Leiterin der Telefonseelsorge hier in Würzburg gesprochen. Sie erzählt uns über die Menschen und die Herausforderungen, die die Aufgabe als „Telefonseelsorger“ birgt.

Wie viele Anrufe bekommt die Telefonseelsorge im Schnitt pro Tag?

Die Telefonseelsorge (TS) Würzburg bekommt im Schnitt täglich 48 Anrufe, von denen 34 zu Gesprächen mit einer Dauer von etwa 20 Minuten führen. Diese Gespräche schwanken etwa zwischen 5 Minuten und 1 Stunde. Die übrigen 14 sind entweder Aufleger, Schweigeanrufe oder, etwa 5 mal pro Tag, Anrufe, bei denen TS das Gespräch ablehnt oder beendet, weil es sich um einen Scherz- oder einen Sexanrufer handelt oder ein Gespräch, wegen Alkohol oder hoher Aggressivität, nicht wirklich möglich ist.

Bekommen Sie zu den Weihnachtsfeiertagen vermehrt Anrufe? Wenn ja, woran könnte das liegen?

In den Feiertagen selber haben wir über die Jahre kein wesentlich höheres Anruferaufkommen bemerkt, wohl aber thematische Verschiebungen: Einsamkeit und familiäre Konflikte stehen an den Weihnachtstagen stärker im Vordergrund als sonst – nicht wirklich überraschend.

Was sind Themen und Probleme, mit denen die Mitarbeiter besonders oft konfrontiert werden?

Über das Jahr gesehen sind körperliche Beschwerden (in 20% der Gespräche) , depressive Verstimmungen und Ängste, familiäre Konflikte und Einsamkeit (zwischen 17 und 15%) die häufigsten Gesprächsthemen. Etwa 2-3mal pro Tag spielt auch das Thema Suizid eine Rolle, nicht immer als akute Suizidalität, manchmal auch das Sprechen über frühere Suizidversuche, auftauchende suizidale Gedanken oder Suizidalität eines Angehörigen.

Was war der schlimmste Anruf, den Sie oder einer der Mitarbeiter je bekommen haben?

Was sein/ihr schlimmster Anruf war, wird jede/r Mitarbeitende für sich anders beantworten. Allgemein würde ich sagen: Besonders schwer „verdaulich“ sind Gespräche mit jungen Menschen, die Missbrauch und Gewalt erleben, und (noch) nicht so weit sind, dass sie sich außerhalb der Telefonseelsorge Hilfe suchen würden. Und TS kann aufgrund der Anonymität der Anrufenden in der Regel nicht ohne Zustimmung der Anrufenden Hilfe organisieren – und im Fall von Missbrauch wäre ein Handeln über den Kopf der Bertoffenen weg auch fachlich falsch.

Viele Anrufe von verzweifelten, hoffnungslosen und einsamen Menschen gehen den Mitarbeitenden nah, sind aber insofern nicht „schlimm“, da Anrufende oft wahrnehmbar entlastet, beruhigt und für den Moment besser gestimmt aus dem Gespräch gehen.

Was für Qualifikationen muss ein Mitarbeiter mitbringen oder kann das jeder Mitarbeiter werden?

Wer hier mitarbeiten will, muss grundsätzlich erst einmal Zeit investieren: ca. 180 Stunden für die Ausbildung (September bis Juli), ab dann pro Monat 15 Stunden Zeit für Dienste am Telefon und Supervision. Die berufliche Qualifikation ist nicht entscheidend.

Ausschlaggebend ist die Persönlichkeit: Wie reflektiert, wie offen, kritikfähig, lernbereit, belastbar, sprachlich ausdrucksfähig ist jemand? Wie hat der/die betreffende eigene Krisen erlebt und überwunden? Insofern kann im Prinzip jede/r (ab etwa 25 Jahren) Mitarbeiter(In) werden, aber wir wählen sorgfältig aus, wen wir in eine Ausbildungsgruppe nehmen.

Haben Sie schon einmal jemanden, mit dem Sie telefoniert haben, persönlich getroffen?

Ein persönliches Treffen mit einem/einer Anrufenden wäre ein ganz klarer Bruch der Anonymität, das kommt nicht vor. Für eine „face to face“-Beratung verweisen wir an andere Stellen.

Wie schafft man es, Mitgefühl zu zeigen, sich aber selbst nicht von den Problemen der Menschen hinunterziehen zu lassen?

„Mitgefühl“ ist nicht das Zentrale bei den Gesprächen: Verstehen wollen, wie sich jemand fühlt; Respekt vor der Person, auch wenn sie Probleme nicht gelöst hat; ein echtes Interesse an dem, was sie beschäftigt – all das ist das Wesentliche. Dass die Traurigkeit und Hilflosigkeit mancher Anrufenden auch „abfärbt“, das müssen Mitarbeitende erst einmal aushalten, und gleichzeitig oder spätestens nach dem Ende des Gespräches wahrnehmen, dass es die Traurigkeit des anderen, nicht die eigene ist. Das lässt sich, auch durch die Supervisionen, auch lernen.

Sind Sie ausschließlich dafür da, den Anrufern Rat zu geben oder leiten Sie auch weitere Schritte ein (z.B. die Polizei rufen)?

Die Möglichkeiten der TS beschränken sich auf das Telefongespräch, dabei kann aber durchaus auf weitere Hilfsangebote verwiesen werden. Das Einschalten der Polizei käme nur in Betracht, wenn ein Anrufer glaubwürdig eine Gewalttat gegen andere ankündigen würde, hier würde die Verhinderung von Gefahren den Datenschutz „aushebeln“.

Wir bedanken uns ganz herzlich für die aufklärenden Worte von Frau Belzner. Sollte jemand von Euch auch einmal das Bedürfnis haben, über etwas zu reden oder jemanden brauchen, der einem zuhört, dann zögert nicht Euch an die Telefonseelsorge zu wenden. Rund um die Uhr und kostenlos unter der 0800-1110111 und 0800-1110222. Das bundesweite Kinder- und Jugendtelefon ist unter der 0800-1110333 zu erreichen.

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