Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Vom Hospizverein Würzburg begleitet

Auch diese Zeit ein „Leben“

Fünf Jahre ist es her. Bettina Habermann geht zum Arzt. Sie hat Probleme, sich zu konzentrieren. Ihr fällt es seltsam schwer, Entscheidungen zu treffen. Immer wieder hat sie diese kleinen Aussetzer. Der Arzt macht ein paar Untersuchungen. Er schickt die Lehrerin für Altenpflege wieder nach Hause. Burnout lautet die Diagnose. Diese wird besonders bei Pädagogen häufig gestellt. Aber die Aussetzer werden schlimmer. Nach einem besonders gravierenden Anfall geht sie erneut zum Arzt. Nach weiteren Untersuchungen ist klar: Sie hat ein so genanntes Astrozytom. Dieses gehört zu den häufigsten Tumoren im Gehirn. Es folgen drei Jahre intensive Behandlung. Zwei Operationen, zwei Bestrahlungen und eine Chemotherapie. Dann die Hiobsbotschaft: austherapiert. Die Ärzte können Habermann nicht mehr helfen. „Es gibt keine weiteren Behandlungsmöglichkeiten“, sagen sie ihr.

Welche Optionen gibt es?

Habermann gibt sich keiner Illusion hin. Sie ist vom Fach. Sie kennt das Prozedere gut, war mit ihren Schülern öfters im Hospiz, um ihnen dessen Arbeit näherzubringen. Sie wendet sich an das Brückenteam des Hospizvereins Würzburg, das in der Hospiz- und Palliativberatung tätig ist. In erster Linie geht es darum, irgendjemanden zu fragen, was denn jetzt noch möglich ist, welche Optionen es gibt. Zehn Tage verbringt sie anschließend auf der Palliativstation. Sie zeigt zu diesem Zeitpunkt kaum Symptome. In erster Linie erholt sie sich. Verschiedene Optionen werden geprüft. Die Familie hat die Möglichkeit, Fragen zu stellen und einen Ausblick zu bekommen. Das Thema Suizid kommt immer wieder auf, gerät aber nach diesen eineinhalb Wochen vermehrt in den Hintergrund.

Wie geht das Leben weiter?

Für Bettina Habermann, ihren Mann Jürgen Stroehl und die beiden Kinder stellt sich jetzt die Frage: Wie geht das Leben weiter? Bereits zu diesem Zeitpunkt kommen ehrenamtliche Hospizhelfer zum Einsatz. Sie betreuen Habermann vormittags, während ihr Mann weiter als Lehrer arbeitet. Er hat sich bewusst dafür entschieden, weiter zu unterrichten. Immer wieder hadert er mit dieser Entscheidung. Aber es tut der ganzen Familie gut, eine gewisse Normalität aufrechtzuerhalten.

Zwei Monate später werden Habermanns Symptome schlimmer. Sie hat Probleme beim Sprechen und Gehen, nimmt aufgrund der Medikation stark zu. Bei einem weiteren Aufenthalt auf der Palliativstation entscheidet sich die Familie gemeinsam für eine weitere Untersuchung. Den Fortschritt der Erkrankung schwarz auf weiß zu sehen, ist für sie ein Schock. Aber Stroehl findet die Entscheidung, den Status des Gehirntumors zu erfassen, auch im Nachhinein noch sinnvoll. „Es hat Sicherheit gegeben, nicht wieder mit irgendeiner Therapie zu beginnen“, sagt er. Denn vor allem seine Frau habe sich mit alternativen Heilmethoden beschäftigt. Dieses Geschäftsfeld, und Stroehl bezeichnet es mit Absicht als solches, sei perfide. „Da wird im wahrsten Sinne des Wortes Geld mit der Hoffnung der Betroffenen gemacht.“

„Eine Normalität, die nicht normal war“

Nach diesem zweiten Aufenthalt auf der Palliativstation baut Stroehl ganz gezielt ein Netzwerk von Kontakten auf: Fachpersonal, ehrenamtliche Helfer, aber auch Freunde und Verwandte. Sie kommen immer wieder vorbei und unterstützen die Familie. Jeder so viel, wie er eben kann. Jeden Tag kommen die Sozialstation und ein anderer Ehrenamtlicher vorbei, Stroehl verlässt das Haus nur noch aus beruflichen Gründen. „Wir hatten eine Normalität, die nicht normal war“, erinnert er sich heute. Und doch hat er zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass ihm das alles zu viel wird, dass er nicht mehr kann. Denn das Netzwerk funktioniert.

Neben praktischer Hilfe suchen sich Stroehl und die beiden Kinder auch therapeutische Unterstützung. Die finden sie beim Bayerischen Krebsverband. „Man wächst da hinein, Hilfe zu erbitten und anzunehmen“, erzählt Stroehl. Ein Jahr lang lebt die Familie so. So lange es möglich ist, gehen sie immer wieder auswärts essen. Im Sommer machen sie einen gemeinsamen Urlaub auf einem Fluss-Frachtschiff, das eine Ferienwohnung an Bord hat. Sie arbeiten aber keine dieser „Was-möchte-ich-noch-alles-erleben-Listen“ ab. Sie versuchen eben, das Leben zu leben. Irgendwann muss Stroehl die Entscheidungen für seine Frau treffen. Es kommt der Tag, an dem sie im Hospiz stationär aufgenommen wird. Stroehl lobt die Flexibilität und Empathie sowie das große Engagement des Personals dort. Sechs Wochen später stirbt Bettina Habermann. Sie wird nur 43 Jahre alt. „Die Aussegnung war sehr schön gestaltet. Sie haben uns damit einen würdigen Rahmen gegeben, uns zu verabschieden.“

Eine Alternative

Seit Habermanns Tod ist ein halbes Jahr vergangen. Stroehl blickt zurück auf die letzten eineinhalb Jahre im Leben seiner Frau. Dass auch diese Zeit ein „Leben“ war, verdanke er auch dem Hospizverein, erzählt er. „Sie haben uns zu einem Zeitpunkt, als meine Frau über Suizid nachdachte, eine Alternative geboten und uns bei jedem Schritt unterstützt. Das war ungeheuer entlastend, man fühlte sich umsorgt.“

- ANZEIGE -

Kommentare zum Artikel

Kommentare zum Artikel

AUCH INTERESSANT