Würzburg - Foto: Pascal Höfig
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1. Campus Slam: Applaudierendes Publikum kürt zwei Sieger

Forscher gegen Dichter im Slam

Forscher und Dichter treten mit ihren Texten gegeneinander an: Das war das Motto beim 1. Würzburger Campus Slam. Die Entscheidung fiel salomonisch aus: Das Publikum kürte den Literaturwissenschaftler Julien Bobineau und den Profi-Slammer Marvin Ruppert zu Siegern des Abends.

Ein Professor der Wirtschaftsinformatik, der mit dem Vorderlader-Gewehr in sein studentisches Auditorium zielt. Ein Chemie-Dozent, der in seinem Vortrag – wie er sagt – „vor nichts zurückschreckt, bis auf ein Foto mit einem kleinen süßen Tierchen mit großen Augen“, um im gleichen Moment doch eine Aufnahme eines Koboldmaki auf die Leinwand zu projizieren: Beim 1. Würzburger Campus Slam galt Langeweile-Verbot. Die etwa 500 Zuhörer im Audimax der Uni am Sanderring bedankten sich für die Abwechslung zum Unialltag mit immer neuen Beifallstürmen.

Das Publikum entscheidet über den Sieger

Vorbild für den Abend waren die seit Jahren deutschlandweit erfolgreichen Poetry Slams, eine Art Dichterwettstreit, bei dem das Publikum entscheidet, wer gewinnt. Kommt ein Science Slam hinzu, ist wissensgesättigte Unterhaltung auf höchstem Spaß-Niveau garantiert. Die Aufgabe für die acht Teilnehmer war denkbar einfach: Slammer und Wissenschaftler sollten in wenigen Minuten eigene Texte beziehungsweise Forschungsergebnisse vorstellen und dabei die Zuhörer möglichst nicht langweilen. Mit dem Slammer Marvin Ruppert und dem Romanisten Julien Bobineau gab es am Ende gleich zwei Gewinner: Mit tosendem Beifall hatten sich die Zuhörer für die beiden vor Wortwitz sprühenden Beiträge entschieden.

„Campus Slam geht ab, aber es ist natürlich auch etwas zum Mitdenken, es ist nicht nur Konsum“, hatte die beiden Moderatoren der Veranstaltung, Leonard Landois und Christian Papay, bereits im Vorfeld angekündigt. Und was Wissenschaftskomödianten wie Dr. Eckart von Hirschhausen und Bastian Sick können, das können die Wissenschaftler der Uni Würzburg schon lange. Die Idee für das ungewöhnliche Aufeinandertreffen von Poesie und Wissenschaft ist im „Event- und Veranstaltungsmanagement“-Seminar von Silke Kuhn entstanden. Umgesetzt hat sie schließlich ein 16-köpfiges Team von Studierenden.

Stimmung, Stimmung und nochmals Stimmung

Vier mikroerprobte Slammer traten beim Poetry Slam gegeneinander an: Marvin Ruppert, Pauline Füg und Christian Ritter sind in der Würzburger Slammer-Szene wohlbekannt. Als „Bube“, „Dame“, „Ritter“ laden sie regelmäßig zur Lesebühne ein. Mit einer „Wild-Card“ trat Thomas Röper an. Wenig Arbeit hatten die beiden Moderatoren an diesem Abend, Stimmungsanheizer erübrigten sich: „Wie würde sich ein Null-Punkte-Applaus anhören?“ – Schweigen im Saal, nur ein verirrter Klatscher. „Und ein Zehn-Punkte-Applaus?“ Der Beifall überschlägt sich im Saal, Leonard Landois muss sich erstmal die verrutschte Locke in der Stirn zurechtstreichen. Langwieriges Aufwärmen war also nicht nötig. Für die Zuhörer war rasch klar, worum es geht: Stimmung, Stimmung und nochmals Stimmung.

Profis im Poetry Slam

Den unbeliebten Part des Beginners hat Christian Ritter. Etwas steif wirkt es, als er mit staksigen Schritten den Weg zum Mikrofon antritt. Eine Hand stets in der Hosentasche liest er aus seinem „Stalker-Notruf“. Doch schon bald wird deutlich: Hier ist ein ausgebuffter Profi am Werk. Ritter zieht immer neue Manuskripte und Karteikarten aus seinen Taschen. Jeder Griff, jeder Satz, jede Pointe sitzt. Ein Lacher reiht sich an den nächsten. Seines Zeichens Deutscher Vizemeister und mehrfacher Frankenmeister, Gewinner von 300 Slams und Autor eines Buchs mit dem Titel „Die sanfte Entführung des Potsdamer Strumpfträgers“, kennt er kein Lampenfieber.

Zart, beinahe etwas gebrechlich wirkt Pauline Füg. Mit einem dicken grauen Pulli über den schwarzen Leggings ist sie dennoch beeindruckend präsent. Ruhig liest die „Bühnenpoetin“, wie sie sich selber nennt, aus ihrem Text. Später erklärt sie, dass sie am Mikro wie „ein lebendes Gedicht“ sein möchte. Die Diplom-Psychologin gehört zu den renommiertesten Poetinnen der Slam-Szene. Sie war von Anfang an dabei, als es vor mehr als zehn Jahren losging mit der Slam-Welle, die über Deutschland schwappte. Dabei weiß Füg, dass es ihre tiefsinnigen Gedichte, die auf Klang und Rhythmus setzen, rhetorische Stilmittel einbinden, manchmal sogar gereimt sind, oft nicht einfach haben. „Die Leute wollen keine komplizierten Texte, sie wollen Texte, die nach vorne gehen“, erklärt sie. Dass es für sie am Ende nicht reicht, ist für sie dennoch nicht wichtig. „Ein Slam ist immer auch wie ein Spiel.“

Ähnlich sieht es Marvin Ruppert. Seine Spezialität: Anti-Helden, die sich den Wirrnissen des Liebesalltags aussetzen. „Hatten Sie nicht auch schon einmal das Gefühl, einen der Klassiker der deutschen Literatur komplett umschreiben zu wollen?“, fragt er, um das zugleich an Büchners „Woyzeck“ vorzuführen. Mit sicherem Gespür gräbt er auch die kleinsten Spuren an Witz aus dem Drama, das eigentlich zu den hoffnungslosesten Stücken deutscher Literaturgeschichte zählt und sich um Liebe, Eifersucht und Totschlag rankt. Ein Poetry Slam lebt von der Vielfalt der Texte, nicht immer geht es bloß lustig zu, ein gehöriges Stück Ernst ist oft mit dabei.

Wissenschaftler im Science Slam

Wissenschaft ist per se ernst, langweilig muss sie dennoch nicht sein. „Ich bin hier falsch, ich bin hier gänzlich falsch“, stolpert Professor Rainer Thome in der zweiten Runde auf die Bühne. Jetzt haben die Wissenschaftler das Sagen. „Ich kann eure Lustigkeit einfach nicht ausstehen, ich bin ein Wirtschaftsinformatiker“, behauptet er, um sich anschließend von der Frage der Scholastiker, wie viele Engel wohl auf einer Nadelspitze Platz finden, leiten zu lassen. Eilte ihm nicht der Ruf eines ironisch-witzigen Professors voraus, so könnte man ihm die Rolle des wirren Professors, der sich im Hörsaal geirrt hat, leicht abnehmen.

Während die Dichter kaum mehr als ein Mikro brauchten, geht es nun nicht mehr ohne Powerpoint-Präsentation. Besonders einem gelingt es, Bild und Wort gekonnt zu verbinden: dem jungen Literaturdozenten Julien Bobineau. Seine flotte Präsentation klingt zeitweise nach Hip-Hop, etwa wenn er in raschem Tempo die Namen französischer Autoren herunterspult, manchmal nach Nuschel-Reggae im Stile von Jan Delay, wenn er das Stilmittel der Mehrdeutigkeit erklärt. Da vergibt ihm das Publikum sogar, dass er im Finale gegen Marvin Ruppert über seine Dissertation zu „Postkoloniale Mythen und mediale Ästhetisierung am Beispiel der belgisch-kongolesischen Herrschaftshierarchie“ slammt und seinen Beitrag mit einem politischen Aufruf enden lässt.

Mit diesem Auftritt kann sich Bobineau problemlos gegen die ebenfalls mit viel Applaus bedachten Konkurrenten durchsetzen: Gegen den des Chemiker Dr. Matthias Beyer, der im Jahr 2011 den Science Slam der Studierendenvertretung gewonnen hatte. Gegen den Psychologen Florian Steinbichl, der sich unter dem ironischen Vortragstitel „Selbstwert, Narzissmus und Facebook“ auf den Spuren der Poetry-Slammer durchs Internet zappte. Und gegen den originellen professoralen Auftritt von Rainer Thome. Während die Wissenschaft redlich bemüht ist, ihre sperrige Forschungsthemen in Unterhaltung zu übersetzen, sitzen die Poeten entspannt in der ersten Reihe. Sie lauschen angestrengt, ein Bein übers andere geschlagen, kommentieren, was vor ihnen passiert. Julien Bobineau erntet anerkennendes Kopfnicken: „Ja, der ist einer von uns, das war mehr als Science Slam, das war Poetry Slam vom feinsten“, scheint in ihren Gesichtern geschrieben.

Das Seminar

Organisiert haben den Campus Slam 16 Masterstudierende der Universität Würzburg, die das Projektseminar „Event- und Veranstaltungsmanagement“ besuchen – ein Angebot der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Die 16 Studierenden sind: Kerstin Beck, Almina Desic, Jonas Diefenbacher, Markus Engert, Andreas Götz, Vanessa Hartmann, Thomas Heidler, Christian Koss, Kathrin Lauterbach, Anja Pixis, Janina Seitz, Jasminka Spudic, Anja Textor, Susanne Veldung, Lisa Wohlfromm und Lydia Wummel.

Ihre Ziele: Mehr Praxis ins Studium bringen und das mit einem wohltätigen Zweck verbinden. Sämtliche Einnahmen sollten deshalb an ein soziales Projekt in Würzburg gehen. Ein geeigneter Adressat für diese Spende war auch schnell gefunden. Die Entscheidung fiel zugunsten des Vereins „Menschenskinder e.V.“, der psychisch kranke Kinder und Jugendliche in Würzburg und Unterfranken unterstützt. Exakt 2.164 Euro und 54 Cent konnten die Studierenden an den Verein übergeben. 

Dieser Artikel beruht auf einer Pressemitteilung der Universität Würzburg.

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