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Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Deswegen sind manche Filme so schlecht synchronisiert

Grobe Übersetzungsfehler und asynchrone Lippenbewegungen

„Hast du das grade gesehen? Die Lippenbewegungen haben gar nicht zum Ton gepasst.“ „Auch die Übersetzung ist teilweise echt miserabel.“ „Und die Synchronstimme hört sich wirklich komisch an im Vergleich zum Original.“

Oft fallen unsere Urteile über ausländische Filme, die für ein deutsches Publikum adaptiert wurden, sehr hart aus. Natürlich wird das Filmerlebnis massiv gestört, wenn sich ein grober Übersetzungsfehler an den anderen reiht oder sich die Lippen des Schauspielers bei jedem zweiten Satz noch bewegen, obwohl die deutsche Stimme bereits verstummt ist.

So nah wie möglich am Originalfilm

Damit Filme wie „Ziemlich beste Freunde“ oder „Monsieur Claude und seine Töchter“ auch in Deutschland Zuschauerrekorde brechen können, ist jedoch weitaus mehr erforderlich als ein ausgeprägtes Sprachgefühl auf Seiten der Filmübersetzer. Dessen sind wir uns als schnell urteilende Zuschauer oft nicht bewusst.

Neben flüssigen Dialogen, die auch zu den Lippenbewegungen, der Mimik und Gestik der Schauspieler passen müssen, soll der deutsche Film dem Original auch in anderen Punkten so nahe wie möglich kommen. Er sollte beim deutschen Publikum stets dieselbe Wirkung auslösen wie Letzterer beim Originalzuschauer. Dies ist insbesondere bei Komödien wichtig. Doch egal, welche Art von Film wir uns anschauen: Eigentlich wollen wir an keiner Stelle merken, dass wir es nicht mit dem Original zu tun haben.

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Einer der drastischsten Eingriffe

Ein Negativbeispiel, bei dem die oben genannten Forderungen massiv übergangen wurden, ist der Film „Casablanca“. Die 1952 erschienene deutsche Erstsynchronfassung des amerikanischen Films wurde inhaltlich grob verfälscht und ist um über 20 Minuten kürzer als das Original. Bei der Übertragung ins Deutsche haben die Synchronübersetzer den gesamten Komplex des Nationalsozialismus gestrichen und durch eine Agentengeschichte ersetzt.

„Casablanca“ ist eines der bekanntesten Beispiele, das zeigt, wie gravierend Unterschiede zwischen Original- und Synchronfassung – wenn auch in erster Linie aus zensurbedingten Gründen – sein können.

Veränderungen nicht nur willkürlich

Tatsächlich kommt der Großteil der in Deutschland synchronisierten Filme den Ursprungsfassungen inhaltlich sehr nahe und weist eher subtilere Unterschiede auf. Was der Zuschauer oft vergisst: Abweichungen vom Original ergeben sich schon aufgrund bestimmter Erfordernisse und Einschränkungen, die die Übertragungsart „Synchronisation“ mit sich bringt.

Da wäre zum Beispiel die Forderung nach der oben bereits erwähnten Lippen- und Gestensynchronität in den deutschen Dialogen. Diese zwingt Synchronautoren oft dazu, ein anderes, weniger genaues, aber dafür hinsichtlich der Mundbewegungen und Gesten passenderes Wort zu wählen. Unter anderem deshalb scheint der Synchrontext stellenweise holprig, zu formell oder unlogisch.

Jede Synchronübersetzung ist letztlich ein Kompromiss

Jede Synchronübersetzung ist letzten Endes also immer ein Kompromiss aus den verschiedenen Synchronitäts-Wahrungen und der Authentizität, Natürlichkeit und Verständlichkeit der Dialoge. Um Letztere zu garantieren, müssen einzelne Textpassagen unter anderem der Komik wegen speziell auf das deutsche Publikum zugeschnitten werden, da es Anspielungen aus dem Originalfilm eventuell nicht verstehen würde.

„Justin Bieber“ kennen auch die Deutschen

Denjenigen, die den Film „Ziemlich beste Freunde“ gesehen haben, sei hierzu folgendes Beispiel als Erklärung genannt: Es geht um die Szene, in der der Protagonist Driss Bastien, den Freund von Philippes Tochter, auf dem Schulhof zur Rede stellt. In der französischen Fassung schickt er Bastiens Kumpel mit dem Satz „Toi, Dave, va faire un tour là“ (sinngemäß: „Du, Dave, geh‘ ‘ne Runde spazieren“) weg.

Mit „Dave“ ist Dave Levenbach, ein ursprünglich niederländischer, jedoch vor allem in Frankreich bekannter Sänger gemeint, der wie Bastiens Freund ebenfalls längeres blondes Haar trägt. Da der durchschnittlich deutschsprachige Zuschauer den Künstler jedoch nicht kennt, haben die Synchronautoren seinen Namen durch den Justin Biebers ersetzt. Das deutsche Publikum hört an derselben Stelle also „Und Justin Bieber geht spazieren“ und ahnt sehr wahrscheinlich nicht, dass der Originaltext eigentlich anders lautet.

Kein „Nein“ auf ein Kopfnicken

Untersuchungen haben gezeigt, dass beim Zuschauer nur Irritationen entstehen, wenn sich die Abweichungen außerhalb eines gewissen Toleranzbereichs bewegen. Nur wenn die Textveränderungen zu krass sind, sich die asynchronen Stellen häufen oder die Verstöße gegen die genannten Synchronitäten zu grob sind, fällt dem deutschen Zuschauer auf, dass er es mit einem synchronisierten Film zu tun hat. Jeder von uns wäre wohl irritiert, wenn ein Schauspieler beispielsweise mit dem Kopf nickt, ihm in der deutschen Version aber ein „Nein“ in den Mund gelegt wird.

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Zwei verschiedene Formen der Lippensynchronität

Was die Lippensynchronität betrifft, so muss übrigens nicht nur auf den Zeitpunkt des Lippenschlusses geachtet werden – in der Synchronisationsbranche nennt man diese Form der Synchronität quantitative Lippensynchronität. Auch der Grad der Mundöffnung der jeweils sprechenden Schauspieler sollte bei der Übersetzung der Texte, so gut es geht, beachtet werden (qualitative Lippensynchronität). Zumindest bei extremen Mund- und Lippenstellungen.

Artikuliert der im Bild zu sehende ausländische Schauspieler also zum Beispiel einen Laut, bei dem sein Mund geschlossen ist (zum Beispiel ein „m“), muss in der Synchronversion möglichst zeitgleich einer zu hören sein, der ebenfalls mit zusammengepressten Lippen gesprochen wird.

Von der Rohübersetzung zum Synchronbuch

Dies ist ein Grund dafür, dass die zunächst angefertigte so genannte Rohübersetzung (eine möglichst wörtliche Übersetzung der Originaldialoge) vom Synchronautor oft komplett umgebaut und umgeschrieben werden muss. Worte, teilweise sogar ganze Sätze, müssen vorgezogen oder ersetzt werden. Oft kann der Sinn eines ausländischen Satzes im Deutschen nur durch eine Umschreibung ausgedrückt werden. Auch bei Wortspielen fällt es den an der Filmübertragung beteiligten Instanzen oft schwer, ein deutsches Äquivalent zu finden.

Auch die Gestik muss passen

Neben der inhaltlichen Synchronität sollte auch die Gestik der Schauspieler in der deutschen Filmversion natürlich sein, also zum Text passen. Synchronautoren müssen bei der Erstellung des Synchronbuchs also akribisch darauf achten, dass im Bild später keine ausdrucksstarken Bewegungen an Stellen zu sehen sind, an denen im deutschen Text keine Betonung liegt.

Oder umgekehrt, dass der Synchrontext nicht so deutlich artikuliert wird, dass der Zuschauer eine dazu passende Geste (etwa das Hochziehen der Augenbrauen, ein Schulterzucken oder Kopfschütteln) erwarten würde, diese jedoch ausbleibt.

„Freiraumstellen“ für die Synchronautoren

Interessanterweise gibt es in jedem Film Stellen, an denen mehr und andere, an denen weniger auf die Einhaltung der verschiedenen Synchronitäts-Anforderungen geachtet werden muss. Ist der sprechende Schauspieler gar nicht oder nur von hinten zu sehen, haben Synchronautoren beim Verfassen der Dialoge sehr viel Spielraum haben. Bei einer frontalen Nahaufnahme des Gesichts bei noch dazu guten Lichtverhältnissen wiederum müssen die Synchronitäts-Anforderungen akribisch genau eingehalten werden.

Die Sichtbarkeit der Lippenbewegungen und der Mimik bzw. Gestik eines Schauspielers hängen also von Faktoren wie den Lichtverhältnissen und der Kameraeinstellung ab. Auch der Lärmpegel kann bei der Frage, wie genau in Sachen Lippen- und Gestensynchronität gearbeitet werden muss, entscheidend sein.

Vom Rhetoriklehrer zum Bauchredner

Darüber hinaus spielt auch die Artikulationsdeutlichkeit, die von Schauspieler zu Schauspieler verschieden ist und vom beispielgebenden Rhetoriklehrer bis zum scheinbaren Bauchredner liegen kann, eine Rolle. Schauspieler mit ausgeprägten Lippenbewegungen (noch dazu weibliche, deren Mund durch Lippenstift betont ist), die nach Beendigung des Sprechens den Mund schließen, schaffen eher größere Probleme.

Solche, die die Lippen nur sparsam bewegen, deren Lippen noch dazu durch einen Bart leicht verdeckt sind, und die nach Beendigung des Sprechens den Mund leicht geöffnet halten, sind dagegen deutlich leichter zu synchronisieren.
Auch Pausen, die Schauspieler beim Reden selbst machen, verschaffen Synchronautoren Spielraum, da der Mund dabei geöffnet ist. Original- und Synchrontext können sich hierbei nämlich problemlos in ihrer Länge unterscheiden, ohne dass der Zuschauer dies bemerkt.

Sprechtempo drosseln oder erhöhen

Um quantitative Lippensynchronität (Respektieren des Lippenschlusses) zu erreichen, kann neben dem Einschieben oder Streichen von Textteilen auch das Sprechtempo des Synchronsprechers erhöht oder gedrosselt werden. Doch Vorsicht: Eine bestimmte Sprechgeschwindigkeit erlaubt immer auch Rückschlüsse auf den emotionalen Zustand einer Figur. Jemand der schnell spricht, wirkt aufgewühlter. Langsames Sprechtempo hingegen drückt eher Gelassenheit aus.

Plus/minus zehn Jahre

Schon die Wahl der Synchronstimme kann die Wirkung und Charakterisierung einer Figur massiv verändern. Interessant hierbei ist, dass Synchron- und Originalstimme sich nicht einmal so ähnlich wie möglich sein müssen.

Da Färbung, Rhythmus, Fülle und Stärke allerdings Rückschlüsse auf Geschlecht, Alter, Charakter und Psyche sowie in geringem Maße auch auf die körperliche Statur des Sprechers erlauben, sollte das Alter des Schauspielers und das des Sprechers nicht um mehr als zehn Jahre differieren.

Für Deutschland unabdingbar

In jedem Land gibt es schlecht synchronisierte Filme, bei denen es Synchronautoren nicht zufriedenstellend gelungen ist, den Publikumsanforderungen gerecht zu werden. Deutschland hat als Synchronisationsland im Bereich der Filmübertragung dennoch ein vergleichsweise hohes Niveau.

Hierzulande wird – von der Kindersendung über die Literaturverfilmung bis hin zum Pornofilm – jegliches importierte Filmmaterial synchronisiert und ganz selten lediglich untertitelt. Gäbe es keine synchronisierten Filme und Fernsehserien, würden wohl viele deutschen Kinos schließen. Auch viele Fernsehkanäle hätten nicht mehr allzu viel zu senden.

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