Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Ich bin stolz ein Student zu sein!

Zurück in der Elite

Hach ja schön, dass endlich das neue Semester begonnen hat und ich mich wieder im Kreis der Intellektuellen bewegen kann, nachdem ich in den Ferien ein paar Wochen zu Hause verbrachte und mit den „dort Hängengebliebenen“ über alte Zeiten geschwärmt habe. Endlich bin ich wieder dort wo ich hingehöre – bei der Elite von morgen. Das sagt man uns zumindest in jeder zweiten Vorlesung. Und genauso fühle ich mich auch, wenn ich im überfüllten Bus zum Hubland stehe. Als Teil einer Elite. Und ja, es ist ein elitäres Statement, wenn wir der Forderung des Busfahrers „nach Hinten durchzugehen“ nicht folgen und in der Türe stehen bleiben. Denn wir lassen uns nicht vom normalen Arbeitervolk herum kommandieren. Nein, nicht mit uns! Schließlich haben wir nicht umsonst Abitur gemacht. Nun ja, ok haben wir doch. Aber das gestehen wir uns erst dann ein, wenn wir nach unserem geilen Bachelor beim Arbeitsamt antreten müssen und realisieren, dass zwölf Semester Kiffen für’n Arsch waren.

Stolzer Student

Bis dahin tragen wir unseren Studentenstatus mit Stolz geschwellter Brust von Vorlesung zu Vorlesung, von WG-Party zu WG-Party, von Poetry Slam zu Poetry Slam und von WG-Flohmarkt zu WG-Flohmarkt. Auch ich bin stolz Student zu sein! Denn somit habe ich Mama und Papa glücklich gemacht, die nicht wollten, dass sie sich vor den Nachbarn mit dem hübschen Auto eingestehen müssen, dass ihr Sohn nur ein einfaches Handwerk lernt. Der Nachbarsjunge studiert nämlich auch! Und deren Nachbarsjunge auch! Und das sind alles junge, kluge, kreative Individuen. Nur der eine Junge aus der Nachbarschaft, der die Schreinerlehre gemacht hat, aus dem wird nie etwas. Ich frag mich, ob ich ihn jemals auf dem Arbeitsamt treffen werde?

Totally wasted

Egal – ich sag ja immer:“ Bildung hat nichts mit dem Elternhaus zu tun, sondern mit Willen!“ Ich wollte schon immer studieren. Und seit es keine Studiengebühren mehr gibt, sogar noch mehr! Jetzt kann ich’s mir am Wochenende leisten, anständiges Speed von meinem iPhone zu ziehen. Am Montag kann ich dann in der Vorlesung damit prahlen, wie „totally wasted“ ich noch bin, weil ich von Donnerstag bis Sonntag vor’m René stand, um über Politik zu diskutieren, Bitches klar zu machen und so zu tun, als wär Salvatore (der drei Euro für ein verficktes Dosenbier verlangt) mein Homie. Sonntag nachmittag natürlich noch After Hour im L-Club und spätestens Dienstag Mama und Papa anrufen, weil ich kein Geld mehr für neue „Bücher“ habe, die ich mir im Rahmen meines Studiums kaufen muss.

Dieser Druck fickt mein Brain

Überhaupt ist der finanzielle Druck, unter dem wir Studenten leiden kaum zumutbar. Ehrlich gesagt fickt dieser Druck mein Brain twenty4seven. Seit ich mich vegan ernähre (weil ich herausgefunden habe, dass Tiere bei lebendigem Leib getötet werden), mangelt es finanziell an allen Enden. Vegane Küche ist nämlich scheisse teuer und die Anerkennung, die man dafür bekommt, tröstet auch nicht darüber hinweg, dass ein gutes Steak, einfach durch nichts zu ersetzen ist.

Arbeiten? Come on!

Und nebenbei arbeiten? Come on! Als ob wir Studenten die Zeit dazu hätten. Unser Tag besteht zur Hälfte aus durch Selbstmitleid motivierte Selbstbefriedigung und „How I met your mother“. Die andere Hälfte verbringen wir mit dem Versuch, das Internet auswendig zu lernen, was hinsichtlich unserer Bildung ziemlich wichtig ist. Schließlich beginnt jeder kluge Satz mit: „Heute habe ich im Internet gelesen.“ Also erzähl‘ mir bitte nichts vom Kellnern oder so. Das überlasse ich den alleinerziehenden Müttern. „Deutschland braucht keine Kellner sondern Ingenieure!“

Ich bin Bildungsbürger!

Ausserdem bin ich wie gesagt Teil der Elite und mit einem Mindestlohn ködert man mich auch nicht! Ich bin Bildungsbürger und möchte auch dementsprechend behandelt werden! Vor allem vom Pöbel! Also auf ein neues, spannendes, verkorkstes Semester! Und an alle Assis und Feuilleton-Leser da draussen – ich habe in diesem Text absichtlich ein paar Rechtschreibfehler platziert, damit Ihr wenigstens einen Grund habt, diesen Artikel zu kommentieren. Ich widme mich nun wieder meiner Bildung.

Begriffe, die wegen fehlender Rechtschreibkenntnisse von mir gegoogelt wurden:
Intellektuelle, Individuen, Ingenieure, Feuilleton, Bitches

Gastautor Robert Alan

Robert Alan (Shitstormen hier) ist Student in Würzburg (Kommunikationsdesign), füllt in seinem Nebenjob Regale in einem Supermarkt und hat sich zuletzt Gedanken in einer Straßenbahn gemacht. Außerdem hat er die hübscheste Homepage Würzburgs.

 

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