Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Mobilität als Streitpunkt in Würzburg

Gastbeitrag von einem Bamberger Radler

Wir haben wieder einmal einen Gastbeitrag für Euch, diesmal von Chris. Er schreibt über die Situation der Radler und studiert in Bamberg, wo die besagte Situation wohl ganz anders zu sein scheint als hier in Würzburg. Hier seine Überlegungen:

„Warum sich inmitten der Stadt eine neue gesellschaftliche Konfliktlinie aufgetan hat und wie dieser beizukommen wäre

Fahrrad vs. Auto, Menschliche Trittkraft vs. Motorisierter Komfort. Nach historischen Konflikten zwischen Kirche und Staat oder Arbeit und Kapital befindet sich die Gesellschaft erneut in festgefahrenen Streitigkeiten. Dass sich immer wieder die Gemüter daran erhitzen, welche Privilegien die eine Seite denn (ungerechterweise) schon wieder von der Stadt erhalten habe, und wie genauso rücksichtslos die andere Seite doch eigentlich sei, lässt sich kaum verhindern. Weil die Diskussion jedoch meistens in eine unsachliche, wenig faktenbasierte Richtung abgleitet, möchte ich mich diesem Sachverhalt mal aus einem konkreten Sichtwinkel nähern.

Als aus Würzburg kommender und aktuell in Bamberg lebender Student habe ich gewisse Vergleichsmöglichkeiten, auf denen meine Analyse basieren wird. Bamberg ist nicht nur kleiner und beschaulicher als Würzburg, sondern verfügt auch über deutlich mehr Straßen, an deren Seite Radwege installiert wurden. Auch an viel befahrenen Straßen kann man meistens – zumindest in der Theorie – verhindern, sich den Weg mit Autos teilen zu müssen.

Würzburg ist da ein wenig anders. Ich erinnere mich noch gut, als ich gegen Ende des ersten Semesters mal wieder in der Stadt war und es mich ziemlich schockierte, wie wenige Radwege es dort eigentlich gibt und wie man deshalb viel häufiger in gefährliche Situationen verwickelt werden kann. Man denke nur einmal an den Röntgenring, an dessen Straßenseite Parkplätze wegfielen, um Platz zu schaffen für einen Radweg.

Das Autofahren hingegen halte ich in Würzburg für ziemlich privilegiert. Dass das mittlerweile kaum mehr zur Kenntnis genommen wird, zeigen ja nahezu alle Debatten um reduzierte Parkplätze, Preisaufschläge und Verkehrsberuhigungen. Natürlich ist es aus deren Sicht unschön, dass Parkplätze am Dom wegfallen sollen, dass das Oegg-Tor geschlossen wird oder dass man an zentralen Stellen der Innenstadt Fußgängerzonen einrichtet.

Fußgänger, Radler, Autofahrer – das magische Dreieck gegenseitiger Beschuldigungen

Ebenfalls Teil der hitzigen Diskussionen sind die Verhaltensweisen von – wahlweise – Rad- oder Autofahrern. Fahrradfahrer fahren immer wild und rücksichtslos durch die Gegend, halten sich nicht an Vorfahrten oder Ampeln. Autofahrer ihrerseits parken auf Radwegen und drängen Radler von der Straße ab. Natürlich gibt’s das alles, ganz klar. Und nimmt man die Fußgänger noch dazu, hat man wohl ein magisches Dreieck gegenseitiger Beschuldigungen.

An den Kommentaren zum Maßnahmenkatalog des ADFC ließ sich sehr gut erkennen, an welchen Problemen sich die gegenseitige Antipathie stößt. Es stimmt, dass Radfahrer in Fußgängerzonen nichts zu suchen haben, wenn sie ihr Gefährt nicht schieben. Es stimmt, dass Fußgänger des Öfteren wenig achtsam Straßen überqueren, nicht selten an gefährlichen Stellen oder bei roter Ampel. Und es stimmt auch, dass Autofahrer oft schneller als erlaubt unterwegs sind und an verbotenen Stellen Parken. Doch in der Konsequenz wird darauf meisten ein „alle Fußgänger“, „die Radfahrer“ oder „Autofahrer“, aus der negativen Teilmenge wird plötzlich die Gesamtheit. Doch Fakt ist ganz einfach auch: ein Miteinander aller Gruppen wäre ohne Einschränkungen möglich, hielten sich nur alle an die Regeln. Erst der menschliche Drang, sich immer und immer wieder auf Kosten der anderen einen Vorteil zu verschaffen, stiftet das beklagte Chaos.

Weil ich selbst sehr regelmäßig mit dem Rad fahre, kann ich alle Seiten gut nachvollziehen. Ich erlebe eigentlich bei jeder Fahrt Radler, deren Verhalten nicht nur ordnungswidrig ist, sondern mit dem sie sich selbst und andere in eine Gefahrenlage bringen, die ein paar eingesparte Sekunden Zeit überhaupt nicht wert ist. Dass diese Verfehlungen in der Einschätzung mehr Gewicht haben als der überwiegende Teil der Radfahrer, der sich an die Regeln hält, ist ein normaler psychologischer Vorgang. Genauso ärgere ich mich allerdings über die Autofahrer, die durch ihr Verhalten für gefährliche Situationen sorgen. Denn auch in Bamberg ist nicht alles optimal. Radwege sind in teils so schlechtem Zustand, dass es an den meisten Stellen der Stadt erlaubt ist, die Straße zu nutzen, womit Konflikte vorprogrammiert sind.

Dennoch ist die Stimmung hier wesentlich weniger unterkühlt, weil Radfahren hier deutlich anerkannter ist. Was nicht heißen soll, dass die Probleme des Miteinanders nicht ebenso existieren. Doch weil Autofahrer hier schon länger Einschränkungen hinnehmen müssen (z.B. häufige Einbahnstraßenregelung, verkehrsberuhigte Zonen in der Altstadt) und keine Privilegien beschnitten werden müssen, halten sich Konflikte in Grenzen. Und weil sich Bamberg mit seinem Weltkulturerbe und der wachsenden Bedeutung für Touristen wie auch Studenten in einer ähnlichen Situation befindet, lassen sich die beiden Städte gut vergleichen.

Mehr Flexibilität für mehr Attraktivität – Handlungsbedarf für die Stadt

Um an dieser Stelle nicht falsch verstanden zu werden: Ich kann auch alle Pendler verstehen, die berufsbedingt darauf angewiesen sind, mit dem Auto in die Stadt zu kommen. Oder dass Leute vom Land lieber innenstadtnah parken möchten, wenn sie zum Einkaufen nach Würzburg kommen. Aber gerade für Letztere sehe ich keinen Grund, wieso sie nicht auch etwas außerhalb parken sollten und dann mit den öffentlichen Verkehrsmitteln den gewünschten Zielort erreichen. An dieser Stelle wäre auch die Stadt gefordert, ein durchdachtes P+R System zu installieren, wie es in Bamberg wirklich gut läuft. Dort zahlt man einen Pauschalen Parkpreis und erhält gleich noch ein ÖPNV-Ticket dazu. Zu humanen Preisen versteht sich.

Würzburg steht aus meiner Sicht vor allem für zwei Dinge: a) für eine attraktive Innenstadt mit zahlreichen Anlaufpunkten für Touristen und b) für einen angesehenen Universitätsstandort, der viele junge Menschen dazu bewegt, ihren Lebensmittelpunkt hierher zu verlegen. Beide Punkte bedürfen allerdings einiger Anstrengung, um die hochwertige Qualität der Stadt am Leben zu erhalten. Viele in meiner Generation benötigen nun mal kein eigenes Auto mehr (oder zumindest nur in reduzierter Form, Mitfahrgelegenheiten und Carsharing machen es möglich), die Statussymbole verschieben sich, das Fahrrad sorgt für ausreichend Flexibilität. Und weil der Anteil dieser Bevölkerungsgruppe eben nicht kleiner wird, sind Anpassungsmaßnahmen dringen nötig. Nebenbei kann der Umstieg von vier auf zwei Räder auch einen nicht unerheblichen Anteil daran leisten, die enorme Feinstaubbelastung zu reduzieren. Das wirkt sich wiederum auf die Lebensqualität aller positiv aus.

Verständnis für alle, Rücksicht von allen

Letztendlich bedarf es im Grunde also nicht viel, um eine Verkehrssymbiose aller drei Elemente zu erzeugen. Oder – um weniger pathetisch zu klingen, damit Autofahrer, Radler und Fußgänger ohne Reibungspunkte nebeneinander koexistieren können. Es reicht, wenn sich ein jeder in den Situationen, die nicht der Vorschrift entsprechen, fragen würde, welche Auswirkungen sein Verhalten für andere Verkehrsteilnehmer haben kann. Verständnis füreinander bedeutet nicht, alle Aktionen gutheißen zu müssen. Verständnis füreinander bedeutet nur, verstehen zu wollen und zu können, wieso das eigene Verhalten schädlich für andere sein kann. Gefährliche Situationen zu antizipieren ist sinnvoller, als im letzten Moment einem Zusammenstoß aus dem Weg zu gehen.

Jenseits der individuellen Ebene liegt eine große Verantwortung auch auf Seiten der Stadt. Einerseits, weil sie Projekte umsetzt, die den Wirkungsbereich der Menschen im Verkehr definiert. Weil sie dafür sorgen muss, dass die Autofahrer, die mit dem Auto in die Stadt müssen (oder aus ihr heraus), Parkplätze zur Verfügung haben, deren Kosten auch verhältnismäßig sind. Weil sie dafür sorgen muss, für alle anderen ein attraktives ÖPNV-Netz zu spannen, das wirkungsvoll möglichst viele Menschen möglichst umweltfreundlich von außen nach innen und vice versa bringt. Und weil sie dafür sorgen muss, dass Straßen, Radwege und Schienen sich so ergänzen, dass ein Miteinander möglich ist und das Gegeneinander verschwindet. Dazu gehören auch strengere Kontrollen, sowohl von Auto- wie auch von Fahrradfahrern.

Andererseits, weil sie diese Projekte aber auch so kommunizieren muss, dass sie nachvollziehbar erscheinen. Dass diese auch effizient und damit sinnvoll sind. Und dass diese die Bedürfnisse der Menschen beachten und für eine gesteigerte Lebensqualität sorgen. Als stadtpolitisch neutraler Zuschauer habe ich die Hoffnung, dass Herr Schuchardt als recht junger OB mehr Verständnis für die zukunftsweisende Dimension dieser Entscheidungen besitzt und für Verbesserungen sorgt.“

Vielen Dank für deinen Gastbeitrag Chris! Wenn auch Ihr gerne einmal einen Gastbeitrag zu einem Thema, welches Euch berührt/ärgert/belustigt/zum Lachen oder Weinen bringt, schreiben wollt, dann meldet Euch unter redaktion@wuerzburgerleben.de! Wir freuen uns auf Euch!

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