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Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

„Wunderschön und kalt“ – ein Gastbeitrag zur Integration von Julian Plutz

Ein Gastbeitrag zum Thema Europa und Integration

Würzburg erleben ist eine Plattform für Alle! Deshalb bieten wir Euch die Möglichkeit, Eure Themen und Meinungen hier zu veröffentlichen. Heute haben wir einen Gastbeitrag von Julian, der sich mit Alina getroffen hat. Alina ist eine in Würzburg lebende gebürtige Rumänin und Julian hat mit ihr vor den Europawahlen am 25. Mai über ihren Weg und ihr Leben gesprochen.

Ihre Geschichte, die Alina Julian erzählt hat, handelt von der Reise nach Deutschland, ihrer Arbeitsuche und wie es Alina mit ihren Töchtern geschafft hat, sich hier zu integrieren. Lest die Geschichte hier:

Der Weg einer Rumänin in die deutsche Gesellschaft – von Julian Plutz

„Hier können Sie viele Sprachen lernen!“ Alina lacht, als wir in Ihre Straße im Heuchelhof einbiegen. Vier Jungs spielen im Hof, möglicherweise sprechen sie vier verschiedene Sprachen. Zumindest ist es das, worauf mein Interviewpartner anspielt. Es ist sonnig. Gut gelaunt führt sie mich in ihre Wohnung.

Gleich zu Beginn bin ich überrascht, wie gut Alina Deutsch spricht, kam sie doch erst vor drei Jahren von Rumänien nach Deutschland. Die 34 Jährige muss heute lachen, wenn sie über die Busfahrt über Ungarn und Österreich spricht. Lustig war die 29 stündige Fahrt jedoch sicher nicht. Schon gar nicht mit ihren drei Töchtern. „Nach der Fahrt hat man richtige Schmerzen“, betont Alina und muss wieder schmunzeln. Ich denke mir, dass man Manches nur mit Humor nehmen kann.

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„Ich dachte, wow, sind die Deutschen toll!“

1980 wurde sie in an der Donau in Braila geboren. Doch schon bald zog Alina in die bekannte Touristenstadt Constanta, die heute etwas mehr Einwohner als Augsburg hat. “In Constanta heiratete ich, wurde schwanger und ließ mich wieder scheiden,” Nostalgisch zeigt sie mir Bilder von ihrer Heimat. Ich sehe prächtige Bauten, grüne Parks und viel Sonne. Es passt so gar nicht in das Bild, das ich von Rumänien hatte.

Ich frage sie nach dem Urteil, das sie von Deutschland hatte, als sie das Land noch gar nicht kannte. “Wunderschön und kalt”, antwortete sie. Gute Erfahrungen machte sie mit den deutschen Touristen in Constanta. Sie behandelten ihre Kinder gut und nicht selten gab es für die rumänischen Kinder Schokolade. “Ich dachte, wow, die Deutschen, die sind ja toll.”

Dieses Bild hat sich nur zum Teil bestätigt. “Es gibt Deutsche, die genauso sind, wie ich sie in Rumänien kennengelernt habe, andere sind jedoch genau das Gegenteil.” Sie betont aber, dass dies nichts Deutsches sei. Es geht um gute und schlechte Menschen, nicht um gute oder schlechte Nationen.

In den Jahren 2007 bis 2009 besuchte sie in den Sommerferien Deutschland, um ihre Schwester zu unterstützten, wie sie sagt. Überhaupt fällt mir in dem Gespräch auf, wie wichtig Alina Familie ist. Es scheint eine andere Verbindung zu den Verwandten zu sein, als ich es persönlich in Deutschland gewöhnt bin.

„Ich möchte eure Sozialhilfe nicht!“

2010 zog sie schließlich mit ihren Kindern nach Karlstadt. Den Grund konnte sie mit einem Wort beschreiben. „Geld“. Alina, die in Rumänien Schuhmacher gelernt hatte, sah in ihrer Heimat einfach keine Zukunft mehr.

Die Wirtschaftslage ist für Alinas Landsleute so prekär, dass  die Fachkräfte ihr Land verlassen. „Selbst als gutausgebildeter Arbeiter verdient man in Rumänien so wenig, dass es kaum über den Monat reicht“.  Sie kann sich heute nicht vorstellen, mit ihren Kindern in Rumänien zu leben. Dinge wie Kino, ein Instrument lernen oder Nachhilfe wäre für ihre Töchter undenkbar. Mit 10 Euro Kindergeld im Monat unterstützte der Staat seine Kinder kaum.

„In Rumänien  hat sich in den letzten 20 Jahren nichts verändert.“ Gerade die Korruption sieht Alina für eines der größten Probleme. Das fängt bei den Ämtern an. Dort geht kaum etwas voran, wenn man neben der üblichen Gebühr,  kein Geld unter der Hand dem Beamten zuschiebt. Es hört sich an wie in einem schlechten Spielfilm, wenn Alina über das Schmiergeld spricht. Manche Dinge  sind genauso, wie ihre Vorurteile. Vorwürfe macht sie aber nicht den Beamten. Die verdienen so wenig, dass sie darauf angewiesen sind.

Den Behörden in Deutschland ist das natürlich fremd. Dennoch bekam sie zu Beginn wenig Unterstützung. „Ich möchte eure Sozialhilfe nicht!“, machte Alina im Arbeitsamt immer wieder deutlich. „Ich will Arbeit und ich weiß, was ich kann!“ Sie konnte nicht verstehen, warum sie nicht arbeiten durfte. Denn jeder Nicht-EU Ausländer darf in Deutschland drei Monate keine Stelle annehmen. Sperrzeit nennen die Behörden das. Ich frage mich, ob man einen Arbeitsmarkt mit dieser Methode attraktiv macht.

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Abenteuer Arbeitssuche

Nach der Sperrzeit begann sie schließlich Deutsch zu lernen. Diese drei Monate waren für Alina sehr schwer, denn sie hatte kein Einkommen. Sie war auf die Hilfe von Freunden und Bekannten angewiesen. Trotzdem türmten sich hohe Schulden auf.

„Eine Arbeitsstelle  zu finden – mit dieser Bürokratie – war ein Abenteuer,“ betonte sie. Zunächst musste sie einen Arbeitgeber finden, der bereit ist, diesen bürokratischen Aufwand mitzumachen. Der mehrseitige Antrag wird dann zur Zentrale nach München geschickt und in 2-8 Wochen bearbeitet. Insgesamt über 100 Anträge hat sie gestellt, bis sie endlich eine Stelle bekam.

Das Problem ist, dass die Arbeitserlaubnis nur für eine Stelle gilt. Das heißt, für jede Stelle muss ein neuer seitenlanger Antrag gestellt werden. „Ich habe eine ganze Winter Kollektion von Anträgen“,  sagt Alina ironisch. Ich bitte sie, diese mir zu zeigen. Sie hat nicht übertrieben. Ich zähle drei prallgefüllte Ordner.

Gute Arbeit – schlechte Arbeit 

„Ich weiß was ich kann, aber ich brauche eine Chance!“, sagte Alina vor den Beamten immer wieder. Diese Chance hat sie sich Stück für Stück erarbeitet. Vielen Beamten fehlte schlicht das Verständnis, andere waren einfach nur zu ungeduldig, weil die Sprache ihr zu schaffen machte.

Schließlich hat sie es geschafft; die ersten beiden Stellen waren erkämpft. In einer Gärtnerei arbeitete sie auf 400 Euro Basis , sowie 20 Stunden in einem renommierten Hotel im Landkreis Main-Spessart. „Letzteres war meine schlimmste Erfahrung“.  Für einen Stundenlohn von 5,65€ musste sie meist 40 Stunden in der Woche arbeiten. Die Überstunden wurden jedoch nie bezahlt. „Ich wurde ausgebeutet, weil sie wussten, dass ich nur schlecht Deutsch konnte – sie haben meine Sprachprobleme ausgenutzt.“

Dabei fragte Alina immer wieder, ob sie nicht Vollzeit arbeiten könnte. Dies wurde ihr jedoch verweigert, obwohl sie faktisch 40 Stunden arbeitete. In der Gärtnerei fühlte sie sich dagegen akzeptiert. „Durch die Arbeit dort habe ich nicht nur liebe Menschen kennengelernt, zu denen ich heute noch Kontakt habe, ich lernte auch die Sprache viel besser.“ Sie waren zufrieden mit ihrer Arbeit und mit ihr als Mensch.

Nach 6 Monaten war im Hotel Schluss. Es ging nicht mehr. Was folgte waren drei Monate voll von Anträgen, Vorstellungsgesprächen und Probearbeiten. Viele Arbeitgeber waren mit ihrer Arbeit sehr zufrieden. Doch letzten Endes scheiterte es an ihrem Status als Ausländerin. „Die meisten Firmen wollten sich den Stress mit den Behörden nicht antun.“, so Alina.

„Sprache als Schlüssel zur Integration“

Schließlich trug ihr Fleiß Früchte. Sie bekam eine Stelle in einer Würzburger Bäckerei, die auch über den Landkreis hinaus viele Filialen betreibt. Mit 8,50€ Stundenlohn als Verkäuferin war sie zufrieden. Im Vergleich zu anderen Bäckereien ist dieser Stundensatz recht hoch. Heute leitet sie eine Filiale und gerade kandidiert sie für den Betriebsrat.

Nebenbei ist Alina auch ehrenamtlich für das MiMi Projekt (Mit Migranten für Migranten e.V.) tätig, ein Verein, der sich in vielen Bundesländern für die Gesundheitserziehung von Migranten einsetzt. Sie ließ zur Mediatorin ausbilden und hält heute regelmäßig Vorträge vor Migranten. Themen wie Diabetes oder das deutsche Gesundheitssystem stehen auf der Tagesordnung.

Durch die Arbeit hat sie auch Einblick über die Rumänen und Bulgaren, die seit Anfang des Jahres aufgrund der Grenzöffnung nach Deutschland kommen. „Ja, es kommen mehr. Doch leider nehmen sie zu wenig an den Projekten teil.“ Schlüssel für jeden Ausländer, der nach Deutschland kommt, ist die Sprache. „Das ist für mich wichtig, doch leider nicht für Jeden.“ Viele Leute wollen arbeiten und Deutsch lernen. Andere kommen jedoch nach Deutschland, ohne sich große Gedanken gemacht zu haben. „Manche denken, sie werden mit einem Koffer voll Geld am Bahnhof empfangen.“ Diese werden schnell enttäuscht. Es ist ein neutrales, realistisches Bild von Migration – ohne ideologische Färbung.

Roma haben auch in Rumänien Probleme

Für ihre Töchter war das Integrationsangebot deutlich besser. Sie gingen zunächst in die Mönchbergschule, die Klassen speziell für Migrantenkinder anboten. Später besuchten sie reguläre Klassen. „Natürlich war das schwer für die Drei“, betont Alina. „Aber sie sind auf einem guten Weg – ich bin sehr stolz auf sie, wie sie die Integration geschafft haben.“ Die älteste Tochter macht zur Zeit eine Ausbildung in der Altenpflege .“ „Ich habe meinen Mädchen keine Träume verkauft.“ Neues Land, neue Sprache, keine Freunde wird sie erwarten. Sie machte sich Gedanken, ob es für die Kinder passt. „Sie sind alles für mich, wie meine eigene Haut.“ Rückblickend kann sie jedoch sagen, dass alles so gekommen ist, wie sie sich das vorgestellt hatte.

Auf die Frage nach den 300.000 Roma, die in Rumänien leben, wird Alina ernst. Ihre Erfahrungen waren diesbezüglich nicht immer positiv. Ob jemand Roma ist oder nicht, ist Alina egal. Es geht ihr um den Menschen. Jedoch hat sie  auch negative Erfahrungen mit dieser Bevölkerungsgruppe gemacht. „Ich habe Respekt vor jedem Menschen, jedoch nicht vor Migranten, die in das Land kommen und nur das Geld wollen.“ In Rumänien hat Alina einige Roma kennengelernt. Häufig leben sie in gut organisierten Clans, wie man es auch aus Brennpunkten in Deutschland kennt. In Rumänien gibt es in jedem Dorf solche Familien. Sie beschreibt eine Bettelkultur, die mich nicht unbekannt vorkommt. Ich merke, wie unangenehm das Thema für sie ist. Es ist häufig so, dass gerade die angepassten fleißigen Ausländer mit Argwohn auf die Einwanderer ins Sozialsystem blicken. Sind sie es doch, die ihr Bild nach Außen prägen.

„Ich fühle mich hier zu Hause“

Nach Rumänien fährt sie heute nicht mehr. Sie scheint ihr Geburtsland nicht zu vermissen. „Ich fühle mich hier zu Hause“, Ich muss mich an ein Zitat von Herbert Grönemeyer erinnern. „Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl“. Sie stimmt mir zu.  „Heimat ist wo mein Herz ist – und das ist in Deutschland.“

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