Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Satire: Procrastinia nimmt Studentenverbindungen aufs Korn

Noch ist es eine kleine Würzburger Satireseite, doch ihre Thematik ist immer aktuell und heiß diskutiert. „Procrastinia zu Würzburg“ treibt das Verbindungswesen auf die Spitze und will in überzeichneter satirischer Weise darstellen, was laut ihrer Meinung an Verbindungen überholt und kritikfähig ist. Würzburg erleben hat sich mit den Machern unterhalten.

Wer steckt denn hinter dem Projekt „Procrastinia zu Würzburg“?

Hinter dem Projekt stecken zwei alte linksextreme Haudegen, die so einige Erfahrungen mit Verbindungen und deren verzerrter (Selbst-)Wahrnehmung und noch abstruseren Selbstdarstellung gemacht haben. Aus dringender Sorge um unsere persönliche Sicherheit – die gewaltbereiten Linken sind überall! – sollen unsere Klarnamen vorerst unter Verschluss bleiben. Wir waren nie in einer Verbindung, haben und hatten aber mehr als genug Kontakt zu Korporierten, Burschis etc. Wenn man in den studentischen Gremien der Uni engagiert ist, trifft man zwangsläufig auf derartige Nasen und darf sich über deren verzerrte Selbstwahrnehmung und -darstellung wundern oder amüsieren.

Ihr sprecht von verzerrter Selbstwahrnehmung der Verbindungen. Was meint ihr damit?

Unser Eindruck ist, dass Verbindungen die Geschichte ihrer oder allgemein der Verbindungen sehr selektiv darstellen. Dass führende Nazis einst Burschis waren, wird verschwiegen, dagegen wird Wert darauf gelegt, dass es vielleicht den ein oder anderen gab, der tatsächlich im Widerstand gegen die NS-Diktatur war. Ein objektiver Umgang mit der eigenen Geschichte ist da nicht erkennbar.

Habt ihr auch konkrete Beispiele dafür?

Ein Beispiel: Im Sommer letzten Jahres veranstaltete die Hochschulgruppe des SDS einen Infostand mit Kundgebung am Vierröhrenbrunnen. Wenige Wochen vorher marschierten am 1. Mai die Nazis durch Würzburg, wogegen sich ein breites Bündnis „Würzburg ist bunt, nicht braun“ formierte und durch vielfältige Aktionen den braunen Horden Widerstand leistete, vom Fest der Demokratie auf dem Marktplatz bis zu vereinzelten Sitzblockaden auf der Demoroute der Nazis. Verbindungen waren nicht Mitglied dieses Bündnisses, obwohl es ihnen offen gestanden wäre (womit wir jetzt aber ausdrücklich nicht sagen wollen, dass alle Verbindungen Nazis toll finden!). Bei besagter SDS-Veranstaltung wurden schließlich die Burschis aktiv und gründeten das Bündnis „Würzburg ist bunt, nicht rot“. Dabei wurde den aktiven des SDS verfassungsfeindliches Handeln vorgeworfen und ein Schreckensbild von der kommunistischen Diktatur gezeichnet. Kurz zur Erinnerung: Keine Äußerung gegen Nazis am 1. Mai, aber böse Linke, die die Diktatur wiedereinführen wollen… Kurioserweise waren die Burschis dann noch zu blöd, eine Gegendemo anzumelden und mussten an ihrem Infostand am Sternplatz ausharren bis sich die gefährlichen Linksextremen samt den etwa 50 anwesenden, die sich mit dem SDS solidarisierten, ihnen entgegenkamen. Das werteten unsere Freunde aus Verbindungen, fleißig angetrieben von den Hochschulgruppen der LHG und des RCDS, als gewaltsamen Angriff, es war von Körperverletzungen die Rede, weil mit „Wassergewehren“ hantiert wurde, was sogar zu Anzeigen führte. Wir sehen: Im Hochsommer mit einer Wasserpistole „angegriffen“ zu werden ist gleich politisch motivierte Gewalttat gegen Burschis ergibt verzerrte Wahrnehmung.

Verzerrte Selbstwahrnehmung ist ein Kritikpunkt. Was stört euch noch?

An Verbindungen und Burschenschaften kritisieren wir deren rückwärtsgewandte Gesellschaftssicht – eine patriarchalische und nationale/nationalistische, mindestens übertrieben-patriotische Haltung sowie deren elitäre Ansichten und daraus resultierende Seilschaften. Wie albern das zumeist unreflektierte Praktizieren von jahrhundertealten Ritualen und Strukturen ist, wollen wir auf satirische Art und Weise aufzeigen, indem wir die oben beschriebene verzerrte Selbst- und Weltwahrnehmung samt der vorgeblichen Toleranz umdrehen und ins Extreme verdrehen. Wer sich selbst für weltoffen hält, gleichzeitig aber die Rolle der Frau in der modernen Gesellschaft nicht akzeptiert, wer das Vaterland verherrlicht und rechtes Gedankengut damit (mindestens indirekt) fördert und gleichzeitig die ach so gefährlichen Linksextremen als demokratiefeindliche Terroristen hinstellt, muss entweder nicht ganz klar im Kopf sein, oder aber selbst Teil einer brillanten Satiregruppe sein, die in ganz Europa vernetzt ist. Wir wollen durch unsere überspitzten „Aktivitäten“ zu einem kritischen, aber unterhaltsamen Umgang mit BurschInnenschaften, Korporierten und allen Ausprägungen des Verbindungswesens anregen.

Jetzt ist die Kritik sehr pauschal gehalten, obwohl es im Verbindungswesen zwischen den einzelnen Verbindungen ja sehr große Unterschiede gibt. Warum?

Unsere Kritik richtet sich gegen das Verbindungswesen allgemein: Es ist exklusiv, elitär und hierarchisch strukturiert. Dass jede Verbindungsform ihre spezifischen Eigenheiten hat, ist uns auch klar. Die AMV pauschal gleichzusetzen mit der Teutonia o.ä. käme uns nicht in den Sinn. Das wäre ungefähr, wie wenn man die Profifußballer des FC Bayern München mit der Turnabteilung des SC Bergtheim vergleicht – irgendwo ähnlich, aber jede mit ihren besonderen Strukturen, Verhaltensweisen, Ritualen und Erscheinungsbild.

Viele Verbindungen bauen auf Tradition, sind stolz auf diese. Ist daran nicht auch etwas Gutes zu finden?

Wir haben nichts gegen Konservative, auch wenn wir sie in vielen Fällen nicht verstehen oder ihre Gedanken nachvollziehen können. Aber die traditionelle Denke der meisten Verbindungen stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert – damals gab es noch Könige und Kaiser, Geistliche, die Territorialbesitz hielten und eine Gesellschaft, deren Strukturen mit der heutigen kaum mehr vergleichbar ist. Die ideologischen Grundlagen der Verbindungen haben sich seitdem nicht wesentlich gewandelt. Was daran gut sein soll, dem Vaterland zu dienen und die Nation als höchstes Gut zu betrachten – wie es zahlreiche Burschenschaften tun – muss man uns mit Blick auf die deutsche Geschichte mal erklären.

Nachdem ihr euch ja doch so auf die Verbindungen stürzt, könnte man auch denken, dass ihr Mitglied vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund seid.

Was wir auf jeden Fall sagen können ist, dass wir nicht beim SDS sind, auch nicht bei der Linkspartei oder sonstigen Gliederungen davon. Wir sind bei keiner Organisation, die im Verfassungsschutzbericht steht, hegen aber ein wenig die Hoffnung, dort eines Tages aufzutauchen – das wäre die Krönung unserer Arbeit.

Wie kommt ihr auf eure Ideen?

Nun, wer Verbindungen nicht ganz ernst nimmt, muss nur mit offenen Augen durch die Welt wandeln und die Ideen fliegen uns nur so zu. Abschließend: Ja, es gibt Positives an Verbindungen: Wenn es sie nicht gäbe, und wir sie nicht so ernst nehmen würden, hätten wir deutlich weniger zu lachen .

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