Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Roofer: Klettern für den Kick

Roofr „Roofer“ nennen sie sich selbst. Junge Kletterer, die illegal und ohne Sicherung auf die Dächer der höchsten Bauwerke weltweit steigen. Dieser gefährliche Trend aus Russland findet jetzt auch in Deutschland erste Nachahmer.

Es ist windig. Keine Sicherung, kein Geländer. Mehrere hundert Meter über dem Boden. Ein atemberaubender Ausblick auf die Stadt. Das Gefühl von Freiheit und Sorglosigkeit. All das macht für Marcel Heins den Reiz aus. Den Reiz, ungesichert und ohne offizielle Genehmigung auf hohe Gebäude zu klettern und dabei Fotos zu schießen. Marcel ist ein Roofer. Er ist 20 Jahre alt, lebt in Berlin und macht eine Ausbildung zum Hotelfachmann. Von Höhe und Extremsportarten ist er fasziniert. Angefangen hat das alles mit dem Roofing vor knapp zwei Jahren: „Eigentlich hatte ich bei Youtube nach Videos von Train-Surfern gesucht, also Leuten, die sich an fahrende Züge hängen oder auf Zugdächer klettern. Hierbei bin ich auf Marat Dupri gestoßen“, berichtet Marcel.

Marat Dupri ist der wohl bekannteste Roofer weltweit und gilt als Mitbegründer der Bewegung. Der 22-jährige Russe dokumentiert seit 2009 seine waghalsigen Ausflüge auf hohe Gebäude mit spektakulären Bildern, die er in seinem Blog präsentiert. Zuerst waren es nur Fotos aus Moskau, mittlerweile reist er für sein Hobby durch die Welt: Neben der Cheops-Pyramide und dem Times Square hat er auch den Kölner Dom erklommen. 2011 wurde eines von Marats Fotos mit dem renommierten „Best of Russia“-Fotografiepreis ausgezeichnet.

Der besondere Blick reizt den Berliner

Marcel war sofort angetan von dem, was Marat Dupri und seine Freunde in ihren Videos zeigten: „Ich dachte, das ist völliger Wahnsinn, was die da machen.“ Doch auch der mutigste Roofer fängt klein an: Marcel übte zunächst einmal auf Einfamilienhäusern. Schritt für Schritt steigerte er Schwierigkeitsgrad und Höhe. Mittlerweile rooft er in ganz Berlin. Entscheidend für die Auswahl der Gebäude ist für Marcel die Hoffnung auf eine gute Aussicht: „Mich als Hobbyfotografen reizt ganz einfach ein anderer, besonderer Blickwinkel.“ Um den zu erlangen, gibt es für Marcel kein Limit: „Mein höchstes Gebäude bisher war 220 Meter hoch.“ Das Gefühl der Angst kenne er zwar, aber er empfinde eher Respekt, wenn er allein und ungesichert in Richtung Himmel klettere.
Seine Touren plant Marcel akribisch: „Ich schaue mir an, wie das Gebäude bewacht ist, wie ich hineinfinde und vom höchsten Stock innerhalb des Hauses auf das Dach komme – zum Beispiel über Dachluken.“ Auch das Wetter und der Zeitpunkt des Sonnenuntergangs seien relevant.

Trotz aller Vorbereitung und Sorgfalt hat Marcel auch schon gefährliche Situationen erlebt. Wie die meisten Roofer wählt der 20-Jährige nicht nur herkömmliche Gebäude aus: Bei einem seiner Ausflüge auf einen Funkmasten musste er oben feststellen, dass es dort keine Brüstung gab. Er stand auf einer Plattform und konnte sich nirgendwo festhalten. Eine Windböe kam. Marcel wurde zur Seite gedrängt und musste sich am Funkmast festklammern. Doch dieses Erlebnis hat ihn nicht davon abgehalten, mit dem Roofing weiterzumachen. Dazu ist er viel zu begeistert, als dass er auf das Klettern ohne Sicherung verzichten würde.

„Roofing ist Freiheit und Entspannung zugleich“

2Für Marcel steckt viel mehr hinter Roofing als nur ein Adrenalinkick: „Es bedeutet Freiheit für mich. Sich ganz oben auf die Kante setzen, gute Musik hören, den Gedanken freien Lauf lassen. Ich kann da oben entspannen und einfach meine Sorgen vergessen.“ Doch wer immer wieder die höchsten Dächer der Stadt erklimmt, braucht neue Herausforderungen, damit weiterhin Adrenalin ausgeschüttet wird. Es geht schließlich immer noch höher und gewagter.

„Beim Roofing wird ein Risiko eingegangen in unserem sonst so gesicherten Alltag“, sagt Babette Kirchner, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Technischen Universität Dortmund. Für sie gibt es verschiedene Gründe, wieso junge Leute sich für das ungesicherte Klettern entscheiden: „Die Roofer spüren ihren Körper, physisch und psychisch. Es geht einerseits darum, an Grenzen zu gelangen und Adrenalin zu spüren. Andererseits ist das Roofing aber auch eine gewisse Inszenierung und Abgrenzung von Anderen.“

Um seine Erlebnisse und Erfolge mit anderen Roofern zu teilen und sich mit ihnen auszutauschen, hat Marcel vor ein paar Monaten eine Facebook-Gruppe gegründet. Hier postet er Bilder und Videos von Roofern aus der ganzen Welt. Auch die Familie und Freunde des 20-Jährigen wissen von seinem ungewöhnlichen Hobby. Sein Vater unterstütze ihn sogar darin, sagt Marcel. Seine Mutter könne ihn nicht davon abhalten. Die Meinung unter seinen Freunden sei geteilt: „Manche finden es gut, manche blöd.“ Einige würden das Roofing aber sogar ausprobieren wollen, sagt der Berliner. Er überlege schon, auf welche Gebäude er sie führen könne.

Es drohen bis zu zwei Jahre Haft

Marco Müller, Sprecher der Polizei Dortmund, lehnt das Klettern ohne Sicherung ab: „Es ist lebensgefährlich.“ Auch sieht er mögliche strafrechtliche Folgen für das illegale Klettern: „Da können Straftatbestände wie Hausfriedensbruch oder Sachbeschädigung im Raum stehen.“ Über das Strafmaß, so Müller, müsse dann der Richter im Einzelfall entscheiden. Generell sei aber bei derartigen Delikten mit einer Geldstrafe oder sogar einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren zu rechnen.

Auch Marcel wäre einmal beinahe von der Polizei erwischt worden: „Vom Nachbarhaus aus scheint mich jemand oben auf einem Gebäude gesehen und die Polizei gerufen zu haben. Als ich unten ankam, waren die Beamten bereits da. Sie haben mich aber nicht bemerkt, sodass ich mich in einer angrenzenden Gebäude-Nische verstecken konnte. Außerdem hatte ich Glück, da anscheinend noch ein anderer Roofer am Gebäude kletterte. Die Polizei hat dann ihn verfolgt.“
Die Verantwortung dafür, dass einmal etwas passieren könnte, sieht Marcel nicht bei sich: „Wenn da etwas abbricht, ist es das Versagen derjenigen, die für die Instandhaltung des Gebäudes zuständig sind.“ Auch die Kritik am Roofing kann er nicht nachvollziehen: „Davon halte ich nichts. Hauptsächlich nutzen die meisten Roofer ja Leitern und Gerüste. Wenn man aufpasst, rutschfeste Schuhe und Handschuhe trägt, passiert da eigentlich nichts. Ich checke die Gebäude teilweise wochen- und monatelang ab, bevor ich da hoch gehe.“
Michael Vorwerg sieht das nicht ganz so entspannt. Der Diplomsportlehrer und Trainer des Vereins Klettermax Dortmund hat jahrelange Erfahrung als Kletterer: „Roofing ist lebensgefährlich und eine Empfehlung verbietet sich.“ Eine besondere Gefahr sieht der Trainer vor allem bei Ungelernten: „Problematisch ist, dass bei so einem Trend auch immer Nachahmer kommen, die das machen wollen, ohne es zu beherrschen. Das birgt zusätzliche Gefahren. Man kann daher nur empfehlen, das Klettern solide in einem Kletterverein oder einer Kletterhalle zu erlernen.“ Ein Roofing-Verbot sieht Vorwerg aber kritisch: „Ich halte es für schwierig, Jugendliche von dieser Art des Kletterns durch Verbote abzuhalten. Daher sollte man sie eher qualifiziert durch das Erlernen des professionellen Kletterns unterstützen und Möglichkeiten anbieten, das Roofing mit Seilsicherung legal zu trainieren.“

Roofer werden zu Werbefiguren

Doch gerade im Risiko liegt für viele Roofer der Reiz. Auch Werbestrategen sind inzwischen auf diesen Nervenkitzel aufmerksam geworden: Das niederländische Schuhlabel „HUB Footwear“ sponsert seit Anfang 2013 die zwei russischen Roofer Vadim Mahorov und Vitaliy Yakhnenko. Sie sind sogar Models der aktuellen Herbst-/Winter-Kollektion des Labels und Protagonisten der von „HUB Footwear“ zum Roofing produzierten Filmdokumentationen. In dieser Liga ist Marcel noch nicht angekommen. Ihm geht es beim Roofing erst einmal darum, die Welt zu erkunden. Jede Stadt reize ihn, sie aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Sein Traum ist es, eines Tages das höchste Gebäude der Welt, den „Burj Khalifa“ in Dubai mit seinen 828 Metern hinauf zu klettern. Noch gibt es aber genügend Ziele in Berlin, die Marcel erklimmen will.

Text: Jenny Gödecker
Fotos: Marcel Heins

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