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Gegen wörtliche Auslegung des Koran – Islamtheologe spricht

Der umstrittene Islamtheologe und Buchautor Professor Dr. Mouhanad Khorchide hat am Freitag, 24. Januar, bei einem Vortragsabend im Würzburger Matthias-Ehrenfried-Haus Vorwürfe einiger Muslimverbände von sich gewiesen: „Wer meine Arbeiten kennt, weiß, dass ich dort mit hunderten von Koranversen meine Position begründe.“

Muslimische Verbände fordern, dem Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster die Lehrbefugnis zu entziehen, da er unwissenschaftlich und zu wenig bekenntnistreu arbeite. Khorchide stellte sein Buch „Islam ist Barmherzigkeit – Grundzüge einer modernen Religion“ vor und beantwortete Fragen zu den Themen Gewalt, Dschihad oder tägliches Gebet.

 

Reflektierter Zugang zum Glauben notwendig

Viele muslimische Leser hätten positiv auf sein Buch reagiert, erzählte Khorchide. Sie hätten einen reflektierten Zugang zu ihrem Glauben gefunden und Antworten auf einige offene Fragen erhalten. Auch seine Studenten in Münster hielten zu ihm. „Wir stehen ganz am Anfang der Diskussion, aber dass ein Diskurs stattfindet, ist wichtig“, sagte Khorchide. Islamische Theologie müsse sich in Deutschland erst etablieren. Für ihn ist Glaube nicht etwas Abstraktes. „Glaube muss sich durch unser Handeln bewegen“, sagte er vor christlichen und muslimischen Zuhörern. Er sprach sich gegen Zwang in der Religion aus. „Ohne Freiheit gibt es keinen aufrichtigen Glauben“, zeigte sich Khorchide überzeugt. Gebet und Nächstenliebe sollten freiwillig sein und nicht aus der Angst vor der Strafe Gottes entstehen.

„Menschen verwirklichen Gottes Intention, indem sie einander helfen“, erklärte Khorchide weiter. Hierzu gebe Gott immer wieder Impulse. „Gottesdienst ist die Liebe zu seiner Schöpfung“, sagte er und sprach sich für ein dialogisches Prinzip von Religion aus, indem Gott und der Mensch einander wertschätzen. Die Barmherzigkeit Gottes offenbart sich laut Khorchide in der Existenz jedes Einzelnen: „Gott behält die Barmherzigkeit nicht für sich, sondern verschenkt sie an uns weiter.“

Statt wörtlicher Auslegung des Koran: Kontextualisierung gefordert

Nach dem Vortrag kamen noch einige Fragen aus dem Publikum. So wollte eine Frau wissen, ob die Sure zur körperlichen Züchtigung der Ehefrau wörtlich zu verstehen sei. „Man muss immer den historischen Kontext des Korans sehen“, antwortete Khorchide. Der Koran sei vor etwa 1400 Jahren entstanden und spreche in Bildern, die den Menschen damals geläufig waren. In der Gegenwart müssten sich Muslime fragen: „Was haben wir heute für Maßnahmen?“ Konflikte in der Ehe würden im Jahr 2014 anders gelöst als im siebten Jahrhundert. Die Formen änderten sich, jedoch nicht die Kernaussagen des Korans.

Auch der Begriff des Dschihad interessierte das Publikum. „Der eigentliche Dschihad ist der innere Kampf gegen das eigene Böse“, erklärte Khorchide. Jeder Einzelne müsse sich immer wieder den Spiegel vorhalten. Es gehe nicht darum, alle Nichtgläubigen umzubringen. Der Islamtheologe fügte hinzu, dass der Koran auch Menschen vor Mohammed als Muslime bezeichne, wie etwa Mose oder die Anhänger Jesu. Auch das fünfmalige Gebet jeden Tag, das der Koran den Muslimen vorschreibe, sei eine Struktur, die der Mensch brauche. „Jedes Gebet sollte mich bereichern“, sagte Khorchide. Der Übersetzer von Khorchides Buch ins Bosnische, Dr. Vedad Smailagic von der Universität Sarajevo, stellte fest, dass es wenige islamische Bücher in deutscher Sprache gebe. „Der deutsche Blick fehlt im Dialog“, sagte Smailagic. Er habe das Buch vor einem Jahr gelesen und viele neue Ideen darin entdeckt.

Freundeskreis Ökumenisches Zentrum

Organisiert wurde der Abend vom Freundeskreis des Ökumenischen Zentrums in Lengfeld und Pfarrer Dr. Klaus Beurle. Im November vergangenen Jahres hatte Beurle Khorchide bei einer Tagung in Stuttgart kennen gelernt und nach Würzburg eingeladen. Im Matthias-Ehrenfried-Haus hielt er das Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ hoch und sagte: „Dieses Buch hat hohe Wellen geschlagen, und Professor Khorchide ist damit ins Kreuzfeuer geraten. Doch er setzt sich dafür ein, Intoleranz und festgefahrene Gedanken im Islam zu überwinden.“

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