Würzburg - Foto: Pascal Höfig
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Würzburger will Gesundheitssystem revolutionieren

Uni Würzburg veritati sanderingSie haben in Würzburg studiert oder tun es noch; jetzt wollen vier junge Firmengründer das deutsche Gesundheitssystem verändern. Ihr Start-up verspricht Verbesserungen für Ärzte und Patienten und steht kurz vor der Marktreife. Die Deutsche Telekom hat das Team von dem Projekt bereits überzeugt.

App soll Ärzten mehr Zeit ermöglichen

Sieht so der Arztbesuch der Zukunft aus? Patienten verwalten ihre medizinischen Daten selbst und können sie auf ihrem Smartphone jederzeit ansehen. Selbstverständlich legen sie auch fest, wer außer ihnen noch diese Daten sehen kann und wer nicht. Vor einem Arztbesuch übermittelt eine App dem behandelnden Arzt alle wichtigen Daten zum Konsultationsgrund. Der Arzt ist somit umfassend informiert und hat jetzt mehr Zeit für die Belange seines Patienten und kann eine fundierte Diagnose stellen.

Wenn es nach Stefan Wörner geht, definitiv Ja. Der 27-Jährige hat an der Universität Würzburg Betriebswirtschaftslehre studiert; seit knapp zwei Jahren arbeitet er daran ein Unternehmen zu gründen, das diesen Traum möglich macht. PocketAid – so der Name des Start-ups – will den Arztbesuch effizienter machen und die Kommunikation zwischen Arzt und Patient verbessern. Es soll bei seinen Nutzern das Bewusstsein für die eigene Gesundheit stärken, Fehlbehandlungen vorbeugen und für Ärzte den administrativen Aufwand verringern. Marktfähig wird es voraussichtlich Ende März 2014 sein.

Ineffizienz in der Arztpraxis

„Ineffizienz ist das Schlimmste für mich – und davon ist in unserem Gesundheitssystem viel vorhanden. Nicht nur dass dadurch jährlich ein knapp dreistelliger Milliardenbetrag verschwendet wird, sie kann auch gesundheitsbeeinträchtigende Auswirkungen auf den Patienten haben“, sagt Stefan Wörner, wenn man ihn fragt, wie er auf die Idee für PocketAid kam. Als ineffizient betrachtet er auch die durchschnittliche Wartezeit von 27 Minuten in deutschen Arztpraxen – vor allem, wenn man sie in Relation zur durchschnittlichen Behandlungsdauer setzt. Denn die beträgt gerade mal acht Minuten. Das müsse anders gehen, in Zeiten von Internet, Smartphone und niedrigen Kosten für Speicherplatz.

Und noch ein paar Punkte beschäftigen Wörner: „Die elektronische Gesundheitskarte wird seit zehn Jahren entwickelt und hat bereits über 750 Millionen Euro gekostet. Sie soll es autorisierten Dritten ermöglichen, schnell auf das Persönlichste eines Menschen zuzugreifen: seine Gesundheit. Nur der Patient wird dabei nicht berücksichtigt.“

Außerdem stört Wörner die mangelhafte Kommunikation zwischen Arzt und Patient. „Untersuchungen zeigen, dass lediglich die Hälfte des Gesprächs vom Patienten medizinisch richtig verstanden wird. Und nach 30 Minuten ist davon bereits die Hälfte vergessen“, sagt er. Er ist davon überzeugt: Wenn Ärzte mehr Zeit für ihre Patienten haben; wenn Patienten ihre Befunde sammeln und nachlesen können – dann wäre jeder vierte Arztbesuch unnötig. PocketAid soll das ermöglichen.

Wichtigstes Element von PocketAid ist ein Fragebogen mit rund 900 Fragen aus denjenigen medizinischen Disziplinen, die im Alltag von Hausärzten am häufigsten auftauchen. Natürlich muss sich nicht jeder Patient durch diese 900 Fragen hindurcharbeiten. „Das System ist intelligent und generiert auf der Basis der bisherigen Antworten dynamisch die weiteren Fragen“, sagt Wörner. Wer also schon seit Tagen unter einem quälenden Husten leidet, muss keine detaillierten Angaben zu seiner Verdauung machen.

Keine automatische Diagnose

Dieser Fragebogen liegt in mehreren Sprachen vor. Patienten, die nicht oder nur schlecht Deutsch sprechen, können ihn somit auch problemlos bearbeiten. Der Arzt wiederum erhält ihre Antworten auf Deutsch dargestellt. Eines macht das System allerdings nicht: eine Diagnose stellen. „Wir haben bei unseren Marktrecherchen festgestellt, dass die meisten Ärzte das nicht wollen“, sagt Wörner. Für den jungen Firmengründer macht das die Arbeit leichter. Immerhin umgeht er damit eine ganze Reihe rechtlicher Probleme.

Verwalten können die Patienten ihre Daten auf Hochsicherheits-Servern von PocketAid – natürlich gut verschlüsselt und gegen Angriffe von außen geschützt. Dort können sie auch entscheiden, wem sie diese Daten freigeben. „Wenn jemand nicht möchte, dass beispielsweise der Orthopäde vom Besuch beim Urologen erfährt, hält er diese Informationen einfach versteckt“, sagt Wörner. Ansonsten erhalten Mediziner mit diesen Daten einen wertvollen Überblick über die Krankengeschichte ihres Patienten. Allergien, familiäre Vorbelastungen, Medikamente: All diese Informationen liegen ihnen vor und erleichtern damit die Behandlung und beugen möglichen Fehlern vor.

Verbindungsglied zwischen Gesundheit und Krankheit

PocketAid geht allerdings über das reine Anhäufen von Krankheitsdaten hinaus. Menschen, die schon heute mit ihrem Smartphone Informationen darüber sammeln, wie viel Sport sie getrieben, wie viele Kalorien sie dabei verbraucht und was sie den Tag über gegessen haben – Stichwort Quantified Self – können diese Daten ebenfalls in ihrem persönlichen Konto speichern. „Faszinierend“, findet Stefan Wörner diese Verbindung von Gesundheit und Krankheit. Seine Hoffnung: Vielleicht lassen sich damit die Auslöser mancher Beschwerden identifizieren – und sei es nur, dass der Arzt sagt: „Kein Wunder, dass Sie ständig müde sind. Sie treiben zu ehrgeizig Sport.“

Vor zwei Jahren hat Stefan Wörner PocketAid ins Leben gerufen – unterstützt von dem Informatiker Johannes Wischert, dem Studenten der Wirtschaftsinformatik Philipp Richter und Brice Kamneng Kwam, einem Informatikstudenten.

Unterstützung vom Servicezentrum Forschung und Technologietransfer

Unterstützung hat das Team auf seinem Weg zum Start-up auch vom Servicezentrum Forschung und Technologietransfer (SFT) der Universität Würzburg erhalten. „Dort hatten wir kompetente Ansprechpartner bei allen Fragen rund um die Gründung“, sagt Wörner. Auch an den Kursen, die das SFT regelmäßig organisiert, haben die Vier gerne teilgenommen, wenn dort für sie relevante Themen behandelt wurden. Inzwischen hat PocketAid allerdings seinen Schwerpunkt nach Berlin verlagert. „Dort gibt es eine komplett andere Dynamik“, sagt Stefan Wörner. Auch sei es in Berlin leichter, potenzielle Unterstützer und Geldgeber zu finden. Eine erste Bestätigung für ihr Produkt haben die Macher von PocketAid bereits erhalten: Aus mehr als 160 internationalen Bewerbungen wurden sie mit nur sechs weiteren Teams in das Förderprogramm hub:raum der Deutschen Telekom für junge Start-ups aufgenommen.

Acht Wochen lang hatten sie dort die Gelegenheit, ihr Produkt professionell einem internationalen Markt zu präsentieren. Mentoren standen ihnen unterstützend zur Seite und halfen ihnen dabei ein Netzwerk aufzubauen und potenzielle Investoren kennen zu lernen. „Das war das Beste, was uns passieren konnte“, sagt Wörter.

Keine Angst vor dem Scheitern

Viel Geld und viel Zeit hat Stefan Wörner in den vergangenen Jahren in die Entwicklung von PocketAid investiert. Eine „Gefühlsachterbahn“ sei die Unternehmensgründung bisweilen gewesen – aber „das gehört dazu“. Mit der Frage, ob seine Idee nicht auch scheitern könnte, beschäftigt er sich nicht allzu intensiv. Doch selbst wenn das passieren sollte, ist er sich sicher, dass der Weg in die Selbstständigkeit der richtige war. Und in seinem Rechner liegt schon längst die Liste bereit mit einer Reihe von Ideen für das nächste Start-up.

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