Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

„Aus dieser Not heraus erfanden die Menschen die ‚Kochkiste’“

Januar 1944: Zum fünften Mal erleben die Würzburger einen Jahresanfang im Krieg. Noch immer ist die Stadt unzerstört. 1942 sind einige Bomben im Frauenland gefallen, doch ist damals niemand getötet worden. Der erste schwere Angriff wird erst im 21. Juli 1944 erfolgen und 42 Opfer fordern.

Tag für Tag ist im Internet nachzulesen, was Würzburger und Würzburgerinnen im Jahr 1944 erlebt haben. Auf der Facebook-Seite „Würzburg vor 70 Jahren“ versammelt Roland Flade, Main-Post-Redakteur und „Würzburg erleben“-Mitarbeiter, Augenzeugenberichte, Tagebucheinträge und historische Zeitungsartikel – und zwar immer genau sieben Jahrzehnte nach dem beschriebenen Ereignis.

 

Kalter Winter: Menschen erfinden die Kochkiste

Der Winter 1943/44 ist sehr kalt, wie sich die damals 16-jährige Ilse Schiborr, Schülerin der Mozartschule in der Annastraße, erinnert. Das Elektrizitätswerk kann nicht genug Energie produzieren und regelmäßig wird der Strom abgestellt: „Aus dieser Not heraus erfanden die Menschen die ‚Kochkiste’“, schreibt Ilse Schiborr in einem Text über ihre Kindheit und Jugend in Würzburg. „Man nahm eine größere Holzkiste mit Deckel, legte sie mit warmen Tüchern und Decken aus – auch Kissen wurden dazu verwendet – und packte den heißen Topf mit Kochgut in diese warme isolierende Hülle. So kochte das Essen noch lange weiter, bis es gar war – ohne Kosten und ohne Strom.“

Es sind solche Episoden aus dem grauen Kriegsalltag, die Roland Flade, Historiker und Main-Post-Redakteur, täglich auf seiner Facebook-Seite „Würzburg vor 70 Jahren“ veröffentlicht.

Bund deutscher Mädel lädt zur Nähstube ein

An diesem 16. Januar ist Ilse Schiborrs „Kochkiste“ Thema, am 8. Januar war eine Meldung aus dem Nazi-Blatt „Mainfränkische Zeitung“ (MZ) nachzulesen. Zu einem Zeitpunkt, da der es praktisch keine neuen Textilien mehr zu kaufen gab – und wenn, dann erhielten sie Ausgebombte – lud der „Bund Deutscher Mädel“ junge Würzburgerinnen in die „Nähstube“ ein. Waren auch neue Kleider Mangelware, so sollte man wenigstens die vorhandenen umarbeiten. „Ihr könnt dort aus euren alten Sachen wieder neue Kleidung fertigen“, hieß es in der Meldung. Es ist kaum anzunehmen, dass die Nachricht auf Begeisterung stieß.

Stricken ist keine Alternative. Laut MZ darf jeder Würzburger pro Halbjahr lediglich noch 100 Gramm Wolle kaufen. Der Erwerb muss auf „Sonderabschnitt 8“ der Kleiderkarte vermerkt werden.

Odeon-Lichtspiele zeigen „Peterle“

Joseph Goebbels Illusionsmaschinerie läuft unterdessen auf Hochtouren weiter, um Abwechslung in den tristen Alltag zu bringen. Die Odeon-Lichtspielen zeigten täglich in drei Vorstellungen den Film „Peterle“ mit Joe Stoeckel und Liesl Karlstadt, einen Streifen „voll Sonne und Gemüt“, voll „Münchner Herz und Humor“, wie es in der Anzeige heißt. Für den 19. Januar kündigte die MZ ein Konzert mit Branka Musulin, einer kroatischen Pianistin, im Harmoniesaal an. Mit Werken von Bach, Schubert und Chopin soll sie die kriegsmüden Würzburger von der traurigen Realität ablenken.

Carl-Diem kehrt von Vortragsreise aus Türkei zurück

Am 28. Januar berichtet die MZ, dass der in Würzburg geborene Sportfunktionär Carl Diem von einer Vortragsreise durch die Türkei zurückgekehrt ist. Großspurig kündigt er für den Sommer ein deutsch-türkisches Schwimmertreffen am Bosporus an, zu dem es wahrscheinlich nicht mehr kommen wird. Und doch sagt sich wohl mancher Leser, dass trotz der deprimierenden Meldungen von den Fronten die Kriegslage nicht allzu schlecht sein kann, wenn weiter solche Pläne geschmiedet werden.

Verfolgungs- und Vernichtungspolitik geht weiter

Unterdessen geht die Verfolgungs- und Vernichtungspolitik unvermindert weiter. Am 18. Januar steht in der Maifränkischen Zeitung, dass eine 24-Jährige, die sich in einen belgischen Kriegsgefangenen verliebt hat und von ihm ein Kind erwartet, vom Sondergericht Würzburg zu 18 Monaten Zuchthaus verurteilt wurde.

Die Kollegen des 20-jährigen Otto Winterstein, der zuletzt als Ausfahrer für die Stahel’sche Buchhandlung und als Hilfsarbeiter gearbeitet hat, stellen in diesem Januar 1944 fest, dass er plötzlich nicht mehr zur Arbeit erscheint. Falls sie bei seinen Angehörigen nachfragten, erfahren sie, dass er nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde, wie zuvor seine Verwandte Karoline Winterstein und zwei ihrer drei Kinder. Als ihr jüngster Sohn, ihr Liebling Otto, zum Bahnhof getrieben wird, bricht seine Mutter, die fürchtet, ihn nie wiederzusehen, zusammen. In Auschwitz wird Otto Winterstein die Häftlingsnummer 9038 eintätowiert.

 

 

Zum Jahrestag der Machtergreifung „innere Geschlossenheit“

Und dann kommt der 30. Januar, der Gedenktag an die „Machtergreifung“ 1933, die ja in Wirklichkeit eine Machtübergabe an die Nazis durch die herrschenden Eliten war. Die Mainfränkische Zeitung tut am Tag darauf so, als ob die ganze Stadt noch hinter der NSDAP und Hitler stünde: „In Würzburg marschierte gestern Vormittag Marschblock um Marschblock, feldgrau, im Braunhemd oder in ziviler Kleidung durch die Stadt, hinaus zum grünen Anger des alten Exerzierplatzes. Es marschierte im gleichen Schritt und Tritt nicht nur der Mann, der wochentags in der Werkstatt, am Schreibpult oder im Studierzimmer schafft, nicht nur der Soldat, der Mann der Schutzpolizei, der SA-Mann, der Arbeitsmann bis zum Hitlerjungen, eingetreten in Reih und Glied waren auch die höheren Führer, somit augenfällig die unlösbare innere Geschlossenheit in der großen Kampffront der Heimat bekundend.“

Tatsächlich kann im Januar 1944 von einer solch inneren Geschlossenheit keine Rede mehr sein. Nur noch die fanatischsten Nazis glauben an den „Endsieg“, täglich ist die Zeitung voll mit Todesanzeigen von Gefallenen. Regelmäßig überfliegen Bomberflotten die Stadt und die Menschen müssen die Luftschutzkeller fliehen, manchmal mehrmals in derselben Nacht.

Patienten im Luftschutz-Keller der Augenklinik

Otto Seidel ist Hausmeister und Präparator in der Universitäts-Augenklinik am Röntgenring, in der er mit seiner Frau und den vier Kindern auch lebt. Auch seine Erinnerungen sind auf der Seite „Würzburg vor 70 Jahren“ nachzulesen.

 

Über den Januar 1944 schreibt Seidel: „Im Keller, der als Luftschutzraum eingerichtet war, mussten viele Stunden nachts verbracht werden. Es war ein tieftrauriger Anblick, wenn Patienten mit ihren Verbänden die Betten verlassen mussten und hinuntergeführt wurden, wo sie die Entwarnungs-Sirene abwarteten, danach konnten sie wieder nach vielen Stunden in ihre Zimmer.“

„Ströme feindlicher Maschinen über Würzburg“ 

„Viele Nächte gab es, wo ganze Ströme von feindlichen Maschinen über Würzburg hinwegbrausten, danach Explosionen in der Ferne zu hören waren. Wir steigen dann hinauf, um aus dem Dachfenster die Umgebung abzusuchen. Wir konnten Brände und Feuerschein aus großer Entfernung erkennen, so von Nürnberg, Frankfurt am Main, Heilbronn.“

„Aber auch bei Tage überflogen große Verbände unserer Stadt, so einmal eine große Anzahl in keilförmiger Aufstellung mittags um 12 Uhr. Da alles das Gefühl hatte, dass nichts passieren kann, verließen alle den Luftschutzraum und beobachteten diesen seltenen Vorgang in großer Höhe. Man erkannte, dass die Maschinen abbogen, in Richtung Schweinfurt weiterflogen, und kurz darauf erdröhnten von dort die Bombenabwürfe.“

 Zu Weihnachten im kalten Waggon Richtung Bosnien

Am 9. Januar 1944 schreibt der 18-jährige Würzburger Soldat Erhard Hartlieb seinem 22-jährigen Freund Hans Kufner, der ebenfalls eingezogen ist, einen Feldpostbrief. Beide kennen sich aus der Katholischen Jugend in Heidingsfeld. Erhard schildert seine Erlebnisse am Heiligen Abend in Kroatien: „Spät am Abend machten wir in einer kleinen Ortschaft Quartier. Die Kleider waren durchnässt von dem ständigen Regen, der Mantel bis zum Kragen starr vor Dreck. Das Erste, was getan werden musste, war natürlich für die Pferde sorgen, Stroh und Heu suchen, tränken, eine üble Beschäftigung.“

„Erst zuletzt konnte man an sich selbst denken. In einer ärmlichen Stube hingen wir unsere nassen Kleider auf, und bereits nach kurzer Zeit war alles in tiefem Schlaf versunken. Ich versuchte noch, an Weihnachten, an daheim und an die Kameraden zu denken, schlief jedoch darüber ein. Am ersten Feiertag ging es weiter. Nicht heim, wie wir glaubten, nein, die nächste Bahnstation war das Ziel. Am zweiten Feiertag lagen wir im kalten Waggon und gondelten Richtung Bosnien. Seit 14 Tagen liegen wir nun im äußersten Zipfel Bosniens und warten auf unsere baldige Rückreise.“

Erhard Hartlieb gerät später in russische Gefangenschaft, aus der er erst nach mehreren Jahren zurückkehren wird.

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