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Lateinamerikas junge Parteien

Hugo Chavez in Venezuela, Lula da Silva in Brasilien, Evo Morales in Bolivien: All diese Politiker haben mit relativ jungen Parteien in Lateinamerika Erfolge gefeiert. Was waren die Ursachen dafür? Dieser Frage geht ein Projekt am Institut für Politikwissenschaft und Soziologie nach.

Junge politische Parteien

Was entscheidet über den Erfolg oder das Scheitern junger politischer Parteien? Für Europa ist diese Frage gut erforscht. Vergleichbare Studien über Lateinamerika dagegen gibt es kaum. Diese Lücke will der Politikwissenschaftler Thomas Kestler von der Universität Würzburg füllen.

Warum konnten manche neueren politischen Gruppierungen in den 1980er- und 1990er-Jahren in Lateinamerika das System der etablierten Parteien aufbrechen? Warum haben sich manche davon bis heute behauptet, andere nicht? Diese Fragen untersucht der 38-jährige Würzburger Wissenschaftler mit zwei Fachkollegen: Silvana Krause von der Universidade Federal do Rio Grande do Sul (Brasilien) und Juan Lucca von der Universidad Nacional de Rosario (Argentinien).

Gewerkschaften als starke Basis

„Ganz wichtig für den Erfolg neuer Parteien ist eine starke organisatorische Basis“, sagt Kestler. Diese Voraussetzung sei in Lateinamerika selten gegeben, weil die Zivilgesellschaft dort eher schwach aufgestellt sei. Außer der katholischen Kirche und den Gewerkschaften gebe es keine Organisationen mit starken Strukturen, die sehr weit in die Gesellschaft hinein verzweigt sind.

Entsprechend sind in Lateinamerika Parteien erfolgreich, die aus Gewerkschaften heraus entstanden sind und sich auf starke gewerkschaftliche Organisationsstrukturen stützen konnten. „Das Paradebeispiel dafür ist die Arbeiterpartei in Brasilien“, so Kestler. Diese Partei wurde 1982 gegründet und stellt seit 2003 die Präsidenten; zuerst Lula da Silva, seit 2011 dann Dilma Rousseff.

Wirtschaftskrisen als Gelegenheit

Neben einer guten Organisation muss für den Wahlerfolg noch mehr dazukommen – etwa ein „elektorales Gelegenheitsfenster“, wie Kestler es nennt. Ein solches Fenster öffnete sich in den 1980er-Jahren. Damals begann in den Ländern Lateinamerikas eine längere Wirtschafts- und Schuldenkrise. Viele Wähler wandten sich in dieser Zeit enttäuscht von den etablierten Politikern ab. Gleichzeitig entradikalisierten sich viele linke Parteien und wurden dadurch für die Wähler akzeptabler.
Von der Krise profitierte zum Beispiel die brasilianische Arbeiterpartei. Von den 1990er-Jahren bis heute erreicht sie bei den Parlamentswahlen 10 bis 20 Prozent. Bei den Präsidentenwahlen allerdings bekam ihr Kandidat Lula da Silva immer mehr Zustimmung, bis er 2002 dann gewählt wurde. In dieser Zeit feierten auch Hugo Chávez in Venezuela und Alberto Fujimori in Peru Erfolge. „Chávez konnte zwar nicht auf so starke Gewerkschaften wie in Brasilien bauen. Er hielt sich trotzdem, weil er den Staat schnell für seine Partei vereinnahmte“, erklärt Kestler.

Welche Parteien betrachtet werden

Seit gut einem Jahr ergründen Kestler und seine Kollegen dieses bisher weitgehend unbearbeitete Thema. „Unsere Grundthesen sind klar, jetzt müssen wir die einzelnen Punkte noch für jede Partei sauber herausarbeiten und mit Daten unterfüttern“, sagt der Wissenschaftler. In zwei bis drei Jahren soll die Arbeit dann fertig sein und als englischsprachiges Buch veröffentlicht werden.

Die Forscher haben folgende Parteien im Blick: FREPASO (Front solidarisches Land, ein linkes Parteienbündnis, das zwischen 1994 und 2001 in Argentinien erfolgreich war, heute aber weitgehend verschwunden ist), Frente Amplio (das ebenfalls linke Bündnis Breite Front, gegründet 1971 in Uruguay), Partido dos Trabalhadores (die Arbeiterpartei Brasiliens), Causa R (Radikale Sache, linke Partei, 1971 in Venezuela gegründet), Movimiento al Socialismo (Sozialistische Bewegung, Bolivien, 1997 als linke Sammelbewegung entstanden), Partido de la Revolución Democrática (Partei der Demokratischen Revolution, Mexiko, gemäßigt links, seit 1989).

Lateinamerika in der Politikwissenschaft

Lateinamerika ist ein Thema, das auch sonst am Würzburger Institut für Politikwissenschaft und Soziologie verankert ist. Dafür sorgt ein Arbeitskreis, der regelmäßig öffentliche Vorträge oder Workshops anbietet. Das Thema der laufenden Reihe heißt „Frauen in Lateinamerika“, der nächste Vortrag ist am Donnerstag, 23. Januar. Dann gibt Anna Barrera um 18 Uhr „Einblicke in die Situation indigener Frauen im Andenraum“. Die Referentin kommt vom GIGA-Institut für Lateinamerika-Studien (Hamburg); ihr Vortrag findet in Raum 00.113c am Wittelsbacherplatz statt.

Die Würzburger Politikwissenschaftler kooperieren außerdem mit einschlägigen Instituten der Universitäten Eichstätt, Erlangen-Nürnberg und Augsburg. Mit ihnen geben sie die Schriftenreihe „Mesa redonda“ heraus. Darin werden zum Beispiel eigene Arbeiten, Vortragsreihen oder auch studentische Abschlussarbeiten veröffentlicht.

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