Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Live-Schaltung aus dem Unterricht

Mehr Praxis in das Lehramtsstudium: Dieser Forderung kommt die Universität Würzburg mit zwei Neuheiten nach. Im Uni-Klassenzimmer und im vitalen Klassenzimmer werden angehende Lehrkräfte mit modernster Technik auf das Berufsleben vorbereitet.

Premieren im Unterricht

Dass eine Studentin vor einer Schulklasse steht und Unterricht hält: Keine wirkliche Neuheit. Dass sie dabei von ihrem Seminarleiter und den anderen Seminarteilnehmern beobachtet wird: Auch keine Überraschung. Dass sich das Seminar allerdings im Nebenzimmer befindet und das Geschehen per Videoübertragung verfolgt: Das ist eher ungewöhnlich. Dass zusätzlich noch eine Gruppe von Referendaren samt ihrem Seminarlehrer mit dabei ist, kommt ebenfalls einer Premiere gleich.

Das Uni-Klassenzimmer

Möglich ist das im Uni-Klassenzimmer der Universität Würzburg im Didaktikzentrum am Hubland-Campus Nord. Die Einrichtung, die auf eine Initiative des Zentrums für Lehrerbildung und Bildungsforschung (ZfL) der Uni zurückgeht, hat jetzt eine Kooperation mit dem Dag-Hammarskjöld-Gymnasium im Würzburger Stadtteil Frauenland abgeschlossen. In Zukunft sollen regelmäßig Klassen auf den Uni-Campus kommen und dort von Studierenden unterrichtet werden.
„Normalerweise ist es ja so, dass Lehramtsstudierende hinten im Klassenzimmer sitzen und von dort aus beobachten, wie ihre Kommilitonin oder ihr Kommilitone Unterricht hält“, sagt Dr. Britta Schmidt, Leiterin des ZfL. Das sei allerdings keine optimale Lösung: Im Klassenzimmer ist es eng, die Schüler werden von der ungewohnten Situation leichter abgelenkt, und die Studierenden sehen die Schüler nur von hinten.

Zwei Kameras übertragen das Geschehen

Ganz anders im Uni-Klassenzimmer: Dort fangen mehrere Mikrofone und zwei Kameras das Geschehen perfekt ein. Während auf dem einen Bildschirm die Studentin an der Tafel zu sehen ist, zeigt das andere Bild die Schüler von vorne. Weil die Kameras per Fernsteuerung geschwenkt und gezoomt werden können, lässt sich im Nebenzimmer optimal verfolgen, was die Schulklasse während des Unterrichts so alles treibt.
Und noch ein Plus bietet die Technik: „Für mich als Dozenten ist es eine große Erleichterung, dass von dem Unterricht im Uni-Klassenzimmer eine Aufzeichnung gemacht wird“, sagt Martin Hennecke, Professor am Lehrstuhl für Didaktik der Mathematik an der Uni Würzburg. Schließlich sei es ihm aus zeitlichen Gründen nicht möglich, jede einzelne Unterrichtsstunde, die seine Seminarteilnehmer sonst an einer Schule halten, zu besuchen. „Jetzt kann das Seminar in aller Ruhe die Aufzeichnung anschauen und gezielt verfolgen, zu welchem Zeitpunkt was passiert ist und wie die unterrichtende Studentin darauf reagiert hat“, sagt Hennecke. Auch die Studentin selbst kann sich beobachten, kann sehen, wie sie vor einer Klasse agiert, wann sie möglicherweise nicht gemerkt hat, dass in der Klasse Unruhe ausgebrochen ist, oder an welcher Stelle ein Teil „ausgestiegen“ ist.
„Das Uni-Klassenzimmer ist eine gute Einrichtung. Die Schüler wissen zwar, dass sie gefilmt werden. Dennoch ist die Atmosphäre sehr realistisch. Es gibt keine Ablenkung und keine Beeinflussung.“ So lautet das Urteil von Verena Glowna, Referendarin für Biologie und Chemie am Röntgengymnasium. „Man kann sehr gut die einzelnen Phasen des Unterrichts als Außenstehender verfolgen und reflektieren, ob man im eigenen Unterricht selbst alles richtig macht“, ergänzt Fabian Jochheim, ebenfalls Referendar am Röntgengymnasium.

Das vitale Klassenzimmer

Schüler, Lehramtsstudierende, Referendare, Lehrer, Seminarlehrer, Didaktikdozenten: Sie alle bringt das Uni-Klassenzimmer zusammen; jeder von ihnen profitiert von dem neuen Angebot. Das allerdings an diesem Punkt noch nicht endet. Ein paar Zimmer weiter, den Gang hinunter gibt es seit Neuestem im Didaktikzentrum das „vitale Klassenzimmer“. Mit 16.000 Euro aus Studienbeiträgen der Fakultät für Biologie finanziert, hat die Didaktik der Biologie dort einen Raum mit der neuesten Technik zur Ausbildung der Lehramtsstudierenden ausgestattet, wie sie in dieser geballten Form wohl nur in wenigen realen Klassenzimmern zu finden ist.
„Das vitale Klassenzimmer ist ein Raumkonzept für zeitgemäßen Unterricht, gleichermaßen geeignet für alle Altersstufen und Schularten, von der Grundschule bis zur Universität. Raum- und Lernklima stehen im Mittelpunkt, es unterstützt vielfältig die Umsetzung neuer Lehr- und Lernpläne und vereinfacht doch auch die grundlegenden Formen der Wissensvermittlung wie Frontalunterricht und Vortrag“, sagt Dr. Thomas Heyne, Leiter der Fachgruppe Didaktik Biologie.
Kernelemente des vitalen Klassenzimmers sind tragbare Whiteboards, die an einem Schienensystem überall im Raum zum Arbeiten ab- und zur Präsentation wieder aufgehängt werden können. „So können beispielsweise mehrere Arbeitsgruppen jeweils eine Tafel mit an ihren Tisch nehmen, dort nach Bedarf mit Informationen versehen und dann wieder an die Wand hängen“, sagt Heyne. Damit alle Möglichkeiten modernen Unterrichtens ausgeschöpft werden können, sind ebenfalls ein fahrbares interaktives Smart-Board und ein Visualisierer vorhanden. Tafel- und Projektionsflächen wurden bewusst getrennt.

Ein Angebot für alle MINT-Fächer

Selbstverständlich folgt auch die Sitzordnung im vitalen Klassenzimmer keinem festen Schema. Tische in Dreiecksform lassen sich in beliebiger Anordnung neu gruppieren und ganz nach Bedarf arrangieren. Und auch wenn der Raum von den Bio-Didaktikern eingerichtet wurde, steht er für andere Fächer ebenso zur Verfügung. Einzige Bedingung: Es müssen Fächer aus dem MINT-Spektrum sein, also aus den Bereichen Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften.
Wenn also im Uni-Klassenzimmer beispielsweise auf den Biologie-Unterricht eine Mathestunde folgt, können Biologiestudentin, ihre Kommilitonen, Dozent, Referendare und Lehrkräfte in das vitale Klassenzimmer umziehen und dort direkt im Anschluss an den Unterricht das Gesehene nachbearbeiten.
„Man vergisst zwar die Kameras nicht und ertappt sich bisweilen beim Gestikulieren und fragt sich dann, wie das wohl in der Aufzeichnung aussieht“, sagt Ann-Katrin Schäfer, Lehramtsstudentin für Biologie und Chemie, die zum ersten Mal vor der Kamera stand. Trotzdem habe sie sich die ganze Zeit über wohl gefühlt. Ein Eindruck, den Hansgeorg Binsteiner, Seminarlehrer für Biologie am Röntgengymnasium, bestätigt. „Sie haben sehr sicher im Raum agiert, auch in dieser speziellen Situation“, lautet sein Feedback. Dann lobt er die Studentin für ihre „forsch vortragende Art“. „Ich als Schüler würde mir jedenfalls gut überlegen, ob ich bei Ihnen Quatsch mache.“

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