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Film oder Buch: Was bringt mehr Wissen? Experiment an Uni

Wie verstehen Kinder Filme? Lernen sie mit Texten besser als mit Filmen? Ändert sich das mit zunehmendem Alter? Solche und weitere Fragen untersuchen Entwicklungspsychologen der Universität Würzburg in einem neuen Forschungsprojekt.

„Die Sendung mit der Maus“ ist der Klassiker; „Willi wills wissen“ ist jüngeren Datums, genauso wie „Wissen macht Ah!“. Allen drei Sendungen ist gemeinsam, dass sie ein junges Publikum ansprechen und sich zum Ziel gesetzt haben, Wissen zu vermitteln. Aber sind Filme dazu überhaupt in der Lage?

Das untersucht das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG finanzierte neue Forschungsprojekt „Die Entwicklung kognitiver Filmverarbeitung“. Es läuft in der Abteilung Entwicklungspsychologie am Institut für Psychologie unter der Leitung der Professorin Gerhild Nieding.

Was passiert beim Filmbetrachten?

„Informationen werden Kindern im Vor- und Grundschulalter zunehmend durch Filme zur Verfügung gestellt. Dazu zählen Bildungsprogramme im Fernsehen und Lehrfilme im schulischen Kontext“, sagt Gerhild Nieding. Bislang existierten jedoch kaum Untersuchungen zur Frage, welche grundlegenden kognitiven Prozesse beim Verstehen von solchen Filmen bei Kindern überhaupt ablaufen.

Filme als Lehr-Lern-Medium kommen heutzutage in der Schule immer noch vergleichsweise spärlich zum Einsatz. Als Grund wird dafür häufig angeführt, dass Filme eher „oberflächlich“ verarbeitet würden, verglichen mit schriftlichen Texten. Deshalb würden sie weniger gut verstanden. Für die Psychologen stellt sich dabei allerdings die Frage: Was bedeutet eigentlich eine „oberflächliche“ oder eine „tiefe“ Verarbeitung?

Vom Lesen zum Verstehen

Die Mechanismen, die bei Erwachsenen beim Verstehen von schriftlichen Texten eine Rolle spielen, seien im Gegensatz zum Film auf einer breiten theoretischen Basis vergleichsweise gut erforscht, sagt Gerhild Nieding. „Textverstehen gilt als mehrstufiger Prozess, bei dem vom tatsächlichen Wortlaut ausgehend immer weiter abstrahiert wird“, sagt die Wissenschaftlerin. Am Ende dieses Prozesses stehe ein sogenanntes Situationsmodell.

In der ersten Stufe des Lesens geht es dieser Theorie nach darum, das Wort aufzunehmen. Anschließend muss dessen Bedeutung erkannt werden. Ganz zum Schluss ergänzt der Leser den Textinhalt mit seinem Vorwissen und stellt ihn so in einen allgemeineren Zusammenhang – er bildet das Situationsmodell.

Einen Text verstanden und somit „tief“ verarbeitet zu haben, bedeute somit, über eine Vorstellung der im Text beschriebenen Situation zu verfügen, die über das explizit im Text Gesagte hinausgeht. „Ob und wie sich diese Verarbeitungsprozesse von Kindern auch beim Verstehen von Filmen abspielen, ist bislang unklar und Gegenstand dieses Forschungsprojekts“, so Nieding.

Die Wissenschaftler werden im Rahmen des Forschungsprojekts Kinder im Alter von sechs, acht und zehn Jahren untersuchen sowie Erwachsene. Dabei wollen sie die kognitive Verarbeitung von Filmen mit der Verarbeitung von Hörtexten und bei älteren Probanden von schriftlichen Texten direkt miteinander vergleichen. Auf diese Weise können sie auch die Annahme testen, dass unterschiedliche Medien in bestimmten Altersbereichen unterschiedlich effektiv sind.

Die Experimente

Kindern einen Text vorlesen oder ihnen den Text vorlesen und gleichzeitig ein dazu passendes Bild präsentieren: So sieht beispielsweise eines der Experimente aus, die Gerhild Nieding und ihre Mitarbeiterin in dem Projekt, die Diplom-Psychologin Wienke Wannagat, in den kommenden Monaten durchführen werden.

„Anschließend präsentieren wir den Kindern den gleichen Text noch einmal, dann aber in leicht veränderter Form“, sagt Wienke Wannagat. Diese Veränderungen liegen dann jeweils auf einer unterschiedlichen Ebene des Textverstehens: mal beim Wort, mal bei der Bedeutung, mal beim Situationsmodell. Die Antwort auf die Frage, ob das Kind die Veränderung wahrgenommen hat, gibt Auskunft darüber, ob es ein Situationsmodell aufgebaut und somit den Text wirklich „tief“ verstanden hat.

Um die kognitiven Verarbeitungsprozesse abzubilden, die während der Textverarbeitung ablaufen, sollen in weiteren Experimenten eigens entwickelte kindgerechte sogenannte Online-Maße zur Anwendung kommen. Dabei handelt es sich um Aufgaben, die die Kinder während der Filmpräsentation durchführen. Hierbei sollen sie beispielsweise mit einem Tastendruck schnellstmöglich angeben, ob ein Objekt auf einem eingeblendeten Bild vorher im Film vorgekommen ist oder nicht.

„Betrachtet werden diejenigen Prozesse, die gemäß der psychologischen Textverstehensforschung für das Textverständnis besonders relevant sind“, sagt Gerhild Nieding. Es handele sich um Prozesse beim Aufbau mentaler Situationsmodelle, bei der Herstellung von Textkohärenzen, beim Aufbau analoger Vorstellungen sowie um die Funktion und Auslastung des Arbeitsgedächtnisses beim Textverstehen.

Von den Ergebnissen dieser Untersuchungen versprechen sich die Wissenschaftlerinnen auch einen praktischen Nutzen. Sie könnten beispielsweise als Grundlage dienen für Entscheidungen, welches Medium in welchem Alter am besten zur Vermittlung von Information geeignet ist.

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