Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Abwechslung von Stacheldraht und Beton – Initiative der KHG

Gemeinsam mit der Jungen Presse Würzburg, die das Uni-Radio UR Würzburg sowie das Hochschulmagazin Max&Julius herausbringt, stelle wir Euch in Zukunft besondere Themen aus Würzburg vor. Unsere Autorin Judith Dauwalter berichtet von der Arbeit des Asyl AK. Dieser Artikel wie auch weitere spannende Themen findet Ihr zudem ab heute in der Ausgabe der „Max&Julius“ an der Uni ausliegen.

Ein bisschen Abwechslung von Stacheldraht und Beton

Gerade mal sieben Kilometer Richtung Veitshöchheim steht rechterhand ein längliches Betongebäude. Davor: meterhoher Stacheldraht. Die Gemeinschaftsunterkunft (GU) in der Dürrbachau – hier leben circa 400 Menschen, die aus ihrer Heimat geflohen sind und in Deutschland auf ein besseres

Leben hoffen. Die Studierenden vom Asyl AK der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) sind hier wöchentlich – und wollen ein bisschen Abwechslung in den tristen Alltag der Asylbewerber bringen.

„Die Kinder leiden oft am meisten unter der Situation in der GU. Aber viele sind trotzdem noch so fröhlich und lachen viel. Da ist es einfach schön, ihnen ein bisschen von ihrer Kindheit zurückzugeben“, erklärt zum Beispiel die 21-Jährige Eva Wollner ihr Engagement im Arbeitskreis. Im vierten Semester studiert sie Psychologie; dem Asyl AK gehört Eva seit einem guten halben Jahr an. Der Spieletreff ist ihr zur Herzensangelegenheit geworden: Jeden Freitag um 14.30 Uhr fahren sie und andere Studenten in die GU, um mit einigen der dort lebenden Kinder Zeit zu verbringen – beim Basteln, Völkerball spielen, Kreide malen oder auch mal beim Ausflug zum Wasserspielplatz.

Der Spieletreff ist nur ein Angebot des Asyl AKs. Andere Studenten haben Patenschaften und unternehmen immer wieder alleine etwas mit „ihren“ Kindern. Manche kümmern sich ehrenamtlich um die Teestube, die den erwachsenen Asylbewerbern jeden Mittwochabend Zeit und Raum zum Austausch gibt. Eine Theatergruppe probt mit interessierten GU-Bewohnern und führt die selbst entwickelten Stücke in der KHG auf. Eine weitere Gruppe kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit, organisiert Veranstaltungen und Vortragsabende. Und dann gibt es noch das Frauenfrühstück, jeden Freitag von 11 bis 13 Uhr.

Ein Angebot von Frauen für Frauen – „ein geschützter Raum, vielleicht gerade auch weil sich manche Frauen aus anderen Kulturkreisen von Männern gestört fühlen würden“, erklärt Marie Gründahl. Natürlich steht weniger das Essen im Vordergrund als vielmehr das Gespräch. Freundschaften knüpfen – untereinander und mit den deutschen Frauen aus der KHG – Deutsch lernen, Rat suchen bei Alltagsproblemen, von der eigenen Kultur erzählen und über die Familie sprechen. Alles Dinge, die das Frauenfrühstück so wichtig machen. Und bunt geht es hier zu: unter den deutschen Frauen sind nicht nur Studentinnen, sondern auch Berufstätige und Rentnerinnen. Auch die Frauen aus der GU sind ganz unterschiedlich – zwischen 20 und 60; aus Äthiopien oder

Afghanistan (oder von ganz wo anders her); aus jeder sozialen Schicht.

„Hier geht es sehr freundschaftlich und ausgeglichen zu. Wir nehmen aus den Begegnungen mit den Asylbewerberinnen genau so viel mit, wie sie“, betont Marie. Der Austausch völlig verschiedener Kulturen, das Kennenlernen ganz anderer Lebensentwürfe – das schätzt die Studentin ganz besonders. Doch natürlich gibt es in der Arbeit mit den Flüchtlingen auch Erlebnisse, die nicht leicht zu verarbeiten sind. Marie erzählt von einem Mädchen in ihrem Alter, aus Afghanistan: „Die war so fit, eine richtig Liebe. Aber sie ist mit der ganzen Situation einfach nicht zurecht gekommen und hatte einen schlimmen psychischen Zusammenbruch.“

Eva vom Spieletreff

Und auch Eva vom Spieletreff hat eine traurige Geschichte aus Afghanistan mitbekommen. Von einem Mädchen, das oft stolz von ihrem kleinen Bruder erzählt hatte. Zum Beispiel wie sie vor seiner Geburt den Schwangerschaftsbauch ihrer Mutter geküsst hatte. „Ich hatte den Kleinen noch nie gesehen“, erzählt Eva „und hab gefragt, ob sie ihn nicht mal mitbringen will.“ Die schlimme Antwort: Noch als Baby wurde der Bruder im Heimatland getötet. „Das war nicht einfach zu verkraften“, erinnert sich die Psychologiestudentin.

Kontakt zum AK Asyl

Die Ansprechpartner für die Untergruppen des Asyl AK findet ihr unter www.khgwuerzburg.de unter dem Reiter „Soziale AKs und Initiativen“. Einfach anschreiben und mitmachen! Zu einem Informationsabend lädt der Arbeitskreis außerdem zu Beginn des neuen Semesters.

„Durch den Kontakt nehmen wir Anteil an der Geschichte und Situation der Menschen“, heißt es auf der Homepage des AK Asyl. Finanziert werden die Angebote größtenteils durch Spenden. Um sich unter den einzelnen Gruppen besser zu vernetzen, treffen sich die Studenten einmal im Monat zum Plenum. Sie bezeichnen sich ganz bewusst als „Laien und Lernende in der Arbeit mit Flüchtlingen“ – und dazu gehören eben sowohl schöne, als auch traurige Erlebnisse. Und auch: „für die Flüchtlinge und ihre Probleme in der Öffentlichkeit Position zu beziehen und konstruktive Kritik an den Verantwortlichen zu üben.“ In Würzburg kommt man bei diesem Stichwort nicht mehr drum herum, nach den Flüchtlingsprotesten im vergangenen Jahr zu fragen.

Zwar wollen sich Marie und Eva nicht zur Art und Weise äußern – auch unter den Flüchtlingen selbst waren die Aktionen wohl äußerst umstritten. Aber Marie vom Frauenfrühstück findet ganz klar: „Es ist gut, dass die GU so eine viel breitere Aufmerksamkeit erfahren hat und ins Gespräch gekommen ist. Die Protestierenden haben die Würzburger Bürger und die Stadtverwaltung dazu gebracht, sich mehr mit dem Thema zu beschäftigen. Denn viele wissen gar nicht, dass es die GU gibt – auch ich selber hatte in meinen ersten eineinhalb Jahren hier keine Ahnung davon.“ Und dabei bietet der interkulturelle Kontakt so viele Chancen. Erlebnisse, die Eva und Marie nicht missen wollen – und die jeden Zeitaufwand und alle Belastungen mehr als aufwiegen. Wie die Einladung einer jungen Frau, die gerade ihr Baby bekommen hatte und ihre Gäste stolz bekochte. „Das war einfach total schön“, erzählt Marie. Oder Eva, die jeden Freitag herzerwärmende Szenen erlebt: „Ich freue mich immer tierisch, wenn ich die Kinder abhole und sie auf mich zugerannt kommen, mich umarmen und total überglücklich fragen, was wir denn heute Schönes machen.“

JUDITH DAUWALTER

 

- ANZEIGE -